Zeit schenken

Zeit schenken

Das Schenken von materiellen Dingen ist keine Stärke von mir. Wenn ich es denn doch schaffen sollte, zeitlich richtig dran zu sein und mich auch noch für etwas zu entscheiden – ökologische Gedanken stellen mir dabei öfters das Bein – dann überreiche ich das Geschenk gewöhnlich nicht eingepackt und fantasielos.

Nobody is perfect.

Dafür bin ich im Zeit schenken ziemlich gut. Und ich mag es schaurig fest. Zeit ist umweltverträglich, nachhaltig, muss nicht eingepackt werden und ist für die meisten von uns ein kostbares Gut. Das perfekte Geschenk. Gibt es auf dem ganzen Planeten ein Lebewesen, das nicht gern Zeit geschenkt bekommt?

Zeit schenken hat zudem die Gabe, dass die Schenkende oder der Schenkende ebenso viel Freude daran hat wie die oder der Beschenkte. Ich sage es schon lange: Ich bin ein Glückspilz. Denn auch im Zeit verschenken schöpfe ich aus einer Freiheit der Selbstbestimmung, die an puren Luxus grenzt. Geschenkte Zeit kann viele Gesichter haben und jung und alt erfreuen.

Unser Sohn erhielt einen ganzen Monat geschenkt

Nach den nicht immer so einfachen Jahren der Oberstufe hätte er seine Arbeit am 2. August beginnen sollen. Bewusst entschieden wir, ihm einen Monat zu schenken und den Neuanfang auf den September zu verschieben. Einfach so. Weil wir es konnten und weil es ihm Zeit gab, zur Ruhe zu kommen. Einen Monat lang ausschlafen, im Pyjama frühstücken, tun und lassen, was sich grad richtig anfühlt. Der geschenkte Monat wurde zur Lebensschule.

Meiner Mutter und mir schenke ich ein bis zwei Stunden jedes Wochenende. Per Telefon tauschen wir uns aus, erzählen uns von den Erlebnissen der Woche und von den Freuden und Sorgen unserer Leben.

Ich engagiere mich ehrenamtlich für verschiedene Menschen und Anliegen, die mir am Herzen liegen und wichtig scheinen. Ich treffe mich mit geflüchteten Menschen, unterrichte, lerne und lehre. Der Kapitän der Zeitschiffs bin dabei ich. Bewusst entscheide ich mich, wann ich wem wie viel Zeit geben will und kann. Geschenkte Zeit muss nicht immer einen Nutzen haben und auch keine Leistung bringen.

Wie lange haben Sie für mich, 10 Minuten?

Das fragte mich vor ein paar Wochen eine Sozialarbeiterin, die mit mir eine wichtige Angelegenheit besprechen wollte, bei der es um das Wohlbefinden einer geflüchteten Familie ging. „Sie können den ganzen Morgen haben, wenn Sie möchten“, antwortete ich und lehnte mich im Stuhl zurück. Als selbständig Erwerbende konnte ich es mir leisten, die durchaus riesige To-Do-Liste um ein paar Stunden zu verschieben. Es gab wichtigere Dinge im Leben und wie gesagt, habe ich den Luxus des eigenen Zeitmanagements.

In solchen Momenten bin ich endlos dankbar. Nicht einfach Glückspilz, sondern schon ein richtiges Pilzbeet.

Auch in meinem beruflichen Alltag bestimme ich, wem ich wie viel Zeit schenken will und kann. Es darf auch mal vorkommen, dass ich ein paar Stunden Arbeit nicht aufschreibe und entscheide, diese meiner Kundin oder meinem Kunden als kleine Starthilfe zu schenken.

Bevor ihr euch nun fragt… ja, auch mir passiert es, dass die Zeit davon läuft und ich mich gestresst wundere, wie ich all die Arbeit und Aufgaben in meine Tage packen soll. Dann flattere ich im Geiste und schlafe schlecht. Für solche Momente habe ich ein Alarmsystem eingebaut. Es meldet sich, wenn es Zeit für eine Notbremse ist. Dann erinnere ich mich daran, dass ich auch mir Zeit schenken sollte und werfe zeitfressende Monster umgehend über Bord.

Dann kommt es vor, dass ich an einem stinkgewöhnlichen Wochentag länger im Bett bleibe, weil ich noch ein paar Kapitel in einem Buch lese. Die Sitzung um 9 habe ich auf einen anderen Tag verschoben. Oder, dass ich eine Stunde in einer Meditation verweile, einfach, weil ich es möchte. Ich mag es, Dinge zu tun, die keinen offensichtlichen Sinn und Zweck erfüllen müssen.

Wem und was schenkt ihr Zeit?

4 Kommentare

  1. Jemand hat gesagt, „Gott hat den Schweizern die Uhr gegeben, und den Afrikanern die Zeit!“ Hat was. Ich finde deine Gedanken – und auch deine Praxis – sehr gut. Auch ich möchte mein Leben nicht von der Uhr bestimmen lassen, aber das ist in der Schweiz nicht einfach. Ich bewundere dich, dass du immer (?) Zeit für Menschen hast; das habe ich noch nicht gelernt.

    • Lieber Viktor
      Herzlichen Dank für deine lieben Worte und Gedanken. Nein, „immer“ klappt bei mir auch nicht, aber im Moment wirklich oft. Das ist vor allem auch für mich selber ein grosses Geschenk und ich bin sehr dankbar dafür. Und je mehr Zeit ich gebe, desto mehr bin ich im Flow und desto mehr Zeit scheine ich zu haben. Das geht aber nur an „guten“ Tagen, an denen ich mich so richtig pudelwohl fühle. Glg Nadine

  2. Hallo Nadine,
    Zeitfressendes Monster? So hatte ich meinen Job noch nie betrachtet! 😂
    Normalerweise habe ich keine Zeit, Blog-Beiträge zu kommentieren. Deine Zeilen waren jedoch ansteckend und ich werde mir ab nun (noch) bewusster Zeit für Wichtiges nehmen. ⏰
    Gute Zeit ! 🌷
    Liebe eGrüsse Christine

    • Liebe Christine
      Umso mehr freut es mich, dass du mir diese Zeit geschenkt hast. Danke.
      Eine wunderbare Woche, Nadine

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