Unser Sohn, ein Gamer

Gamen

Eltern geben sich manchmal Stress: Vom Angeben mit den Handlungen und Errungenschaften ihrer Kinder bis zu Schuldgefühlen und Zukunftsängsten, wenn es nicht so läuft, wie sie es gerne hätten. Da bin ich als Mutter auch nicht anders.

Anfänglich hatte ich mich dagegen gewehrt, heute habe ich damit Frieden geschlossen, manchmal bin ich sogar stolz darauf: Unser Sohn ist ein Gamer. Vielleicht ist dein Sohn ein Fussballspieler oder ein Alphornbläser. Vielleicht ist deine Tochter Go-Cart-Fahrerin oder sie hat bereits ein Buch geschrieben. Natürlich können unsere Kinder nicht mit einem Label definiert werden, sie sind viel mehr als in einem Begriff Platz hätte. Und doch mag sich unser Sohn den Label „Gamer“ aufsetzen. Sich gern einer Gruppe zugehörig fühlen, ist ziemlich menschlich.

Hauptsache er hat eine Leidenschaft

In einem Elternmagazin las ich, dass Kinder, die eine Leidenschaft, also einen Fokus, hätten, weniger anfällig für psychische Probleme seien. Der Satz, der danach folgte, traf mitten ins Schwarze: Die Vorliebe des Kindes sei die Wahl des Kindes und nicht immer das, was sich die Eltern für das Kind wünschten.

Was wollte ich mehr? Unser jüngerer Sohn hatte genau so eine Passion, das Gamen. Ob mir das nun passte oder nicht. Klar stand, dass seine Vorliebe nicht so schnell verschwinden würde. Für mich bedeutete dies, dass ich entweder dagegen ankämpfen oder mich in das Thema hineingeben und die Leidenschaft unseres Sohnes besser kennenlernen könnte. Egal wie fremd sie mir war. Schliesslich höre ich meinem Mann auch mit ehrlichem Interesse zu, wenn er von seiner Arbeit erzählt, auch wenn ich ausser ihm überhaupt keine Berührungspunkte mit Baustellentätigkeiten habe.

Ich öffnete Herz und Ohren für den Lieblingszeitvertrieb von unserem Sohn und er reagierte mit Freude darauf. Stundenlang erzählte und zeigte er mir seine Welt: Die verschiedenen Games, die Plattformen, die game-eigenen Begriffe, die Charaktereigenheiten der Game-Communities und die Meisterschaften. Plötzlich kam der Moment, an dem es eine Verbindung zwischen seiner und meiner Passion gab: die Hirnforschung. Aus Eigenmotivation hatte er sich über die Auswirkungen des Gamens auf unser Gehirn schlau gemacht und war auf Forscher gestossen, zu deren Leserschaft auch ich gehörte. Die Monologe wurden zu Dialogen, das Thema breiter und tiefer.

Die Anfänge

Unser Sohn war schon immer verspielt und mochte es, in Rollen zu schlüpfen. Als er klein war – auch auf unseren Reisen – beschäftigte er sich stundenlang voll konzentriert und am liebsten alleine mit seinen Lego und Playmobil. Wir haben schöne Erinnerungen daran, wie unser Bett im Camper in Mexiko mit Playmobil-Piraten belegt war und wir zum Schlafen zuerst das Playmobil-Schiff in den Hafen fahren mussten…

Das Spiel bot unserem Sohn ein wichtiges Ventil. Er brauchte diese zurückgezogene Alleinzeit, die er mit seinen Figuren in einer spannenden Traumwelt verbrachte. Später kam das Lesen von Büchern hinzu: Geschichtsbücher, Fantasiegeschichten und die Mythologien der verschiedenen Kulturen begleiteten ihn in seiner Kindheit. Er mochte seinen ersten Gameboy. Das Gamen wurde jedoch erst zur Leidenschaft, als er Strategiespiele auf dem PC entdeckte. Spiele, die auf den geschichtlichen Hintergründen basierten, von denen er so viel wusste.

Bald wurde es offensichtlich, dass unser Sohn Regeln zum Gamen brauchte, denn manchmal konnte er sich kaum davon losreissen. Er war in einem Alter, in dem weder Lego noch Playmobil seine Aufmerksamkeit halten konnten. Wir einigten uns gemeinsam auf 4.5 Stunden pro Woche, die er sich selber einteilen musste. So präsentierte er uns jeden Sonntagabend einen Plan für die kommende Woche. Er hielt den nicht immer ganz ein, aber gut genug. Zudem erlaubten wir ihm keine Online-Spiele. Wir fanden, dass er mit zwölf Jahren zu jung war, um mögliche Gefahren im Online-Bereich selber abschätzen zu können. Auch erwogen wir, dass es durch das Gamen mit Menschen aus der ganzen Welt noch schwieriger werden könnte, das Game zu unterbrechen, wenn die abgemachte Zeit um war. Das war sowieso schon ein Thema: Das Abendessen auf dem Tisch, unser Sohn mitten in einem Level. Ich als Leseratte konnte nachvollziehen, dass es Momente gab, in denen ein Unterbruch undenkbar war. Wir erlaubten unserem Sohn, in solchen Fällen zu spät an den Tisch zu kommen, so lange er sich nicht über lauwarmes Essen beklagte.

Der Übergang zum Online-Gamen

Drei Jahre später, nach unzähligen Gesprächen, entfernten wir das Online-Gaming-Verbot. Gemeinsam handelten wir neue Regeln aus. Sie waren grosszügig und gingen davon aus, dass unser Sohn alt genug war, um auch in diesem Bereich Eigenverantwortung zu übernehmen. Er hatte uns gezeigt, dass er die Kommunikation mit uns suchte und uns an seinem Leben teilnehmen liess. Wir waren sicher, dass er uns im Falle von Problemen einbeziehen würde. Die Regeln umfassten Dinge wie:
Während der Nacht kein Mobiltelefon im Zimmer, Gamen nach dem Abendessen nur in gemeinsam besprochenen Ausnahmefällen, als Ausgleich ab und zu spazieren gehen und im Haushalt mithelfen.

Die Zeit in der Oberstufe war für unseren Sohn nicht einfach. Er fühlte sich schlecht integriert, sah kaum Gemeinsamkeiten mit Gleichaltrigen, hatte wenig Interesse an Freundschaften und sprach in der Schule nur sehr wenig. Schon kurze Zeit nachdem er mit dem Online-Gamen begonnen hatte, hörten wir Gelächter und angeregte Diskussionen in seinem Zimmer. Innert weniger Wochen hatte sich unser Sohn einen weltweiten Freundeskreis aufgebaut und chattete auch öfters ausserhalb von Games mit ihnen. Als ich einmal meine Besorgnis aussprach, dass er keine echten Freunde hätte, lachte er nur und erklärte geduldig, dass seine Freunde nun wirklich echt seien. Sie seien einfach nicht „irl“-Freunde, eine Abkürzung für die offline-Welt (in real life), wie ich bald lernte. Wenige Tage später bezeugte ich, wie unser Sohn einen Gaming-Freund in Südafrika tröstete, weil dieser seinen geliebten Hund hatte einschläfern müssen. Nie wieder bezweifelte ich die „Echtheit“ dieser Freundschaften.

In der Schule war so vieles ein Problem für unseren Sohn. Als kleines Kind auf Reisen hatte er oft gesagt: „I know everything about the world.“ Und dieses Gefühl hatten wir oft auch. Unser Sohn kannte nicht nur dreissig Länder aus eigener Reiseerfahrung, aber auch die Weltreligionen und -geschichte, Strategien und Weisheiten. Das Gamen und der Kontakt mit vielen verschiedenen Kulturen erweiterte seinen Horizont noch mehr. Ich vergesse nie, wie er beim Mathe-Thema der Koordinaten eine schlechte Note schrieb, mir noch am gleichen Nachmittag mit fundierten Erklärungen seine MineCraft-Weltkarte vorstellte und dabei auch ihr Koordinatensystem.

Oft glaubten wir, unser Sohn sei stundenlang am Gamen, merkten dann aber, dass er zwar am Computer sass, aber auch viel Anderes tat. Er brachte sich das Filmeschneiden bei und lud Game-Sequenzen auf seinen YouTube-Kanal, er schrieb E-Mails an bekannte YouTube-Gamer mit Strategievorschlägen, er schaute sich Dokumentarsendungen und TedTalks an, informierte sich über neue Games und Aktualisierungen. Bald schon wurde er von Firmen angefragt, Beta-Versionen von Games zu testen. Er wurde in ein eSports-Team eingeladen und bestand die Probespiele. Diszipliniert trainierte er täglich. Sein Wunsch, in der Zukunft ein professioneller e-Sports-Athlet zu werden, wuchs stärker. Sein Einsatz und seine Hingabe waren und sind exemplarisch.

Trotzdem gab es ab und zu Momente, an denen wir uns wünschten, dass unser Sohn mit anderen Jugendlichen auf dem Fussballplatz im Dorf spielte oder mit Kollegen ausging. Aber das war nicht er und das wäre er auch ohne Games nicht. Es war eine Illusion zu denken, dass unser Sohn ohne die Gaming-Welt plötzlich ein Kind oder Jugendlicher wäre, der sich draussen und mit Freunden am wohlsten fühlte. Das war ihm charakterfremd.

Das Online-Gamen in Gruppen, das Chatten ausserhalb von Games und die Rücksichtnahme auf sein Team förderten die sozialen Kompetenzen von unserem Sohn stark. Und immer wieder hörten und hören wir stundenlange Diskussionen zu allmöglichen Themen und viel Gelächter aus seinem Zimmer kommen. Unser Sohn ist glücklich.

eSports ist aus der Welt nicht mehr wegzudenken

Die Statistiken zum Gamen sind eindrucksvoll. Ein kleines Beispiel: Die Weltmeisterschaft vom Game „League of Legends“ im 2018 verzeichnete 205 Millionen Zuschauer. Das Game „Fortnite“ hatte am 2. März 2019 auf der Streaming-Plattform Twitch 345’406 Zuschauer (Statistiken auf esc – researching esports and streaming trends). ESports ist riesengross.

Ich möchte ein paar Worte frei übersetzen, die der dänische Premierminister Lars Løkke Rasmussen in seiner Rede an einem Gaming-Anlass in Kopenhagen gesagt hat. (Ich äussere mich hier nicht zur Politik des besagten Premierministers, das wäre themenfremd.) Er begrüsste die Teams aus der ganzen Welt und lobte ihre Talente, ihre Reaktionsgeschwindigkeit, ihr knallhartes Engagement und jahrelanges Training. Rasmussen zeigte Sympathie dafür, dass sich diese Gamer dauernd rechtfertigen müssten und ihrem Umfeld beweisen, dass sie mit Gamen nicht einfach Zeit verschwendeten. Er fügte hinzu, dass die Tage, in denen sie sich erklären mussten vorbei seien, dass sie echte Sportsleute seien und ihren Träumen folgten. Sie wären eine Inspiration für die Welt von morgen. eSports, so sagte er in meinen Augen nicht zu Unrecht, bringe Leute zusammen, über die Landesgrenzen hinaus. ESports urteile nicht über Nationalität, Religion oder das Aussehen. Nur die Leistung zähle (die Rede kann auf YouTube angeschaut werden).

Die Zukunft

Um unseren Sohn darin zu unterstützen, neben dem Gamen und dem Training möglichst lebenskompetent zu sein, helfen wir ihm, ab und zu an die frische Luft zu gehen, sich am Familienleben zu beteiligen, kochen zu lernen, einer Arbeit und Ausbildung nachzugehen und die Verbindung von eSports mit irl in einem Gleichgewicht zu halten.

Egal welche Zukunft unser Sohn für sich wählen wird, egal was das Leben für ihn bereit hält, wir stehen voll und ganz hinter ihm und lieben ihn auch als eigenständigen, erwachsenen Menschen bedingungslos. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er seinen Weg gegangen ist, auch wenn es nicht immer einfach war und noch dankbarer dafür, dass er mich an seiner mir fremden Leidenschaft teilnehmen lässt.

4 Kommentare

  1. Hut ab! Akzeptanz, Interesse und Liebe zeigen sind viel wichtiger als ein Kind in die eigene Vorstellungen hinein zu zwängen. Aber nicht einfach!

  2. Vielen Dank für deinen sehr persönlichen und ehrlichen Blog. Ich bin sicher, dass deine Sichtweise anderen Eltern helfen wird, welche sich mit dem Thema „Hilfe, mein Kind ist ein Gamer/eine Gamerin…“ auseinandersetzen müssen/möchten. Ich werde ihn auf jeden Fall weiterempfehlen!

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