Die Flucht – Teil 2 – schwierige Zeiten

(Fortsetzung von Die Flucht – Teil 1 – Freundschaft)

Vor ein paar Wochen verschlechterte sich die Lage in der Stadt an der Grenze, wo Am und seine Familie auch nach mehr als einem Jahr noch in dem einen Zimmer lebten.

Die Veränderungen schlichen sich zuerst langsam ein, doch schon bald waren sie so krass, dass die Situation richtig eskalierte. Die Tochter hatte noch die Brüche für die Mathe-Prüfung geübt und sich Sorgen um die Note gemacht, als die Schule plötzlich schloss. Die meisten Lehrpersonen hatten bereits die Flucht ergriffen. Geschäfte gingen zu, das Essen wurde knapp. Am suchte nach Pilzen, um das Frühstück nahrhafter zu machen. Eine weitere Hochzeit fand statt, es gab weder Musik noch Tanz. Niemandem war nach Feiern zumute. Hinter verschlossenen Türen wurde nervös gemunkelt.

War ein Angriff unmittelbar?

Tausende von Soldaten marschierten ein und bald glich die Stadt einer Geisterstadt. Die Familie getraute sich kaum mehr aus dem Haus. Am wurde immer gespannter. Mehr Druck, als jemals auf den Schultern eines Menschen liegen sollte, lastete auf Am. Als Vater und Ehemann wurden von ihm Entscheidungen erwartet. Aber was sollten sie tun? Keiner von ihnen wollte die Heimat verlassen, aber zu bleiben, wurde je länger je gefährlicher. Flüchten, aber wohin? Und wie? Die Gegend wimmelte von Armee-Checkposten, die ihnen gefährlich werden konnten. Er hatte einen gültigen Reisepass, aber weder seine Frau, noch seine Kinder hatten einen.

Wir kommunizierten fast non-stop, versuchten, etwas Ruhe und Struktur in die schwierigen Stunden zu bringen. Die WhatsApp-Nachrichten, die von Am kamen, wurden immer wirrer. Er wiederholte Tatsachen, vergass, was er schon geschrieben hatte – was so überhaupt nicht seiner sonstigen Art entsprach – und machte viele Fehler. Der Stress, dem er ausgesetzt war, zeigte sich in jedem Buchstaben. Am konnte nicht mehr klar denken und es zerriss uns fast, ihm nicht helfen zu können.

Ich machte ein paar Telefonate, versuchte herauszufinden, was wir von der Schweiz aus machen könnten. Gab es noch eine sichere Fluchtroute? Gab es eine Möglichkeit, im Land selber in Sicherheit zu gelangen? Wir besuchten Landsleute von Am, die schon seit Jahren in der Schweiz weilten und fragten sie um Rat. Die Lage sah grimm aus. Eine Flucht nach Europa war unterdessen fast unmöglich geworden. Vor allem mit Familie. Sie würde viel Geld kosten, sehr gefährlich sein und erst wieder im Sommer machbar.

Hätten sie alle Pässe, könnten sie vielleicht auf einer europäischen Botschaft ein humanitäres Visum beantragen. Aber Pässe gab es für Ams Familie keine. Ein Leben im Ausland war für sie keine wirklich wünschenswerte Option. Der Gedanke daran, bereitete ihnen Angst. Sie wollten ihre Familien und Freunde nicht zurücklassen. Sie wussten, wie schwierig es für Flüchtlinge war, sich an einem fremden Ort zu integrieren. Sie wussten, wie schwierig es war, in einer anderen Kultur Fuss zu fassen. Sie hatten verstanden, dass ein Asylantrag in einem fremden Land auch bedeutete, monate- wenn nicht jahrelang ein Stück ihrer Autonomität abzugeben und sich von einem Staat abhängig zu machen.

Am beschloss, für seine Frau und seine Kinder wenigstens gefälschte ID-Karten zu besorgen. Mit diesen konnten sie eine Flucht nordwärts riskieren. Eine Flucht in eine Stadt, wo ihresgleichen weniger verfolgt wurden und eher untertauchen konnten. Unterwegs traf er auf ein Eherpaar, das ebenfalls auf der Flucht war. Sie hatten Schlepper bezahlt und im Gewimmel waren ihnen ihre Kinder entrissen worden. Am half dem Paar, brachte sie an einem sicheren und warmen Ort unter und schlich sich in die Dunkelheit, um ihre Kinder zu suchen. Es regnete und war kalt.

In diesen gefährlichen Tagen und Nächten herrschte zwischen uns Funkstille. Die WhatsApp-Nachrichten wurden weder geliefert, noch gelesen und wir wussten nicht, ob die Familie noch lebte. Wir waren wie gelähmt, starrten immer wieder auf unser WhatsApp in der Hoffnung nach einem Lebenszeichen. Nach drei Tagen ohne Kontakt, kam eine Nachricht durch. Am hatte die Kinder gefunden und ihren Eltern zurückgebracht. Er hatte ID-Karten besorgt, für seine Familie und für die Familie, der er geholfen hatte. Aus Furcht davor verfolgt zu werden, hatte er sein Telefon zurückgelassen. Er gönnte sich ein Frühstück und ein paar Stunden Schlaf.

Dann begann die Familie zu packen.

Sie brauchten nicht lange, denn viele Besitztümer hatten sie nicht mehr. Und sie blieben dabei stumm, betäubt. Das Fahrrad, das sein Sohn letzten Sommer bekommen und das ihn so glücklich gemacht hatte, musste zurückbleiben. Per Traktor gelangten sie in einer weiteren sternlosen Nacht zur Haltestelle, wo sie einen Bus bestiegen. Die zehnstündige Fahrt durch die ungewisse Dunkelheit war nervenauftreibend.

Sie schafften es bis in die gewählte Destination, einem weiteren Ort, an dem sie aufgrund ihrer Zugehörigkeit nicht willkommen waren. Wenigstens waren sie für einige Zeit nicht mehr in akuter Gefahr. Sie mieteten eine Wohnung, in der sie sich still halten und abwarten wollten.

Der Sohn von Am wollte wieder nach Hause und die Tochter verstummte. Seine Frau sprach weder über die Flucht, noch die Zukunft. Sie wollte ihren Mann nicht noch trauriger machen. Am hatte Glück und konnte für die gleiche Transportfirma weiterarbeiten, einfach ab einem anderen Depot. Nur eine Nacht nach der Flucht, musste er seine Familie bereits wieder zurücklassen und eine weitere Fahrt nach Europa beginnen. Er hatte keine Wahl. Sie brauchten das Einkommen. Wir boten an, Geld zu schicken, aber es wäre nie bei ihnen angekommen. Und die Familie hätte es sowieso nicht angenommen.

Seither ist ihre Situation noch unsicherer geworden. Am wurde ein weiteres Mal von der Polizei verhört. Sie setzen ihn unter Druck, seine Wurzeln, sein Volk aufzugeben. Er hat die Situation satt, ist müde. Alles, was er möchte, ist, was wohl jeder Mensch möchte: Sicherheit für seine Familie und zukunftsperspektiven für seine Kinder.

Ich hoffe, dass es ein Teil 3 geben wird und dieser davon berichten wird, wie unser Freund und seine Familie endlich ein normales Leben ohne Angst führen können.

Schickt uns gute Gedanken und das nächste Mal, wenn ihr einem Menschen begegnet, der geflüchtet ist, schenkt ihm bitte ein warmes Lächeln und eine ausgestreckte Hand.

2 Kommentare

  1. Hi Nadine
    Danke, dass du diese ergreifende Erzählung mit uns teilst.

    Es ist leichter über Flüchtlinge und wie man mit dem Flüchtlingsstrom umgehen sollte zu sprechen, solange man die Geschichten dahinter nicht kennt. Geschichten wie diese.

    Und ich begrüsse es, dass du das Land nicht erwähnst, indem diese Familie wohnt. Weil es aus meiner Sicht keine Rolle spielt. Überall sind Menschen in Not – und überall braucht es Menschen wie dich und deinen Mann, die sich beherzt einsetzen. Ihr seid wunderbar.

    Ich schicke euch und der Familie ganz viele positive Gedanken und Licht.

    • nadinehudson

      Vielen herzlichen Dank für deine positiven Gedanken und Licht, das können wir gut gebrauchen und ich schicke das auch an unsere Freunde weiter. Ja, das Land ist wirklich nicht wichtig, es ereignet sich in vielen Regionen der Welt leider Ähnliches. Und überall gibt es wunderbare Menschen. Das haben wir auf unseren Reisen erfahren dürfen.

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