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Unsere Freundschaft begann an Weihnachten 2017. Weihnachten, die für uns zu dem wurden, worum es gehen sollte: Deine Türe und dein Herz für jene öffnen, die fremd sind und deine Hilfe brauchen.

Am Tag zuvor stoppte mein Mann, Michael, bei einer Autobahnraststätte gute fünfundzwanzig Minuten von uns entfernt. Kaum ausgestiegen, bemerkte er zwei LKWs mit ausländischen Kennzeichen. Die zwei fremdländischen Fahrer sassen daneben, hatten sich soeben auf einem Gaskocher ein Mittagessen zubereitet und Tee gekocht. Mein Mann grüsste freundlich und wurde mit Gastfreundschaft belohnt. Schon bald sass er mit Teller und Tasse auf einem Campingstuhl und tauschte Geschichten aus.

Die Fahrer waren weit gereist – ihr Heimatland tut hier nichts zur Sache – und steckten wegen den Sonn- und Feiertagen für ein paar Tage auf der Raststätte fest. Das war eigentlich nicht erlaubt, aber die Leute, die da arbeiteten, drückten ihr Auge zu. Die zwei Fahrer hatten als Dankeschön die Umgebung sauber gemacht. Sie schliefen, wie das üblich ist, in ihren LKW-Kabinen, eine Standheizung gab es jedoch nicht. Mein Mann lud sie spontan zu uns nach Hause ein, aber sie erwiderten, dass sie die Ladungen nicht unbeaufsichtigt lassen könnten.

Als Michael nach Hause kam und mir von den zwei Fahrern erzählte, fragte ich gleich, warum sie denn nicht mitgekommen seien. Sie könnten doch bei uns essen, duschen, schlafen. Mein Mann erklärte mir das mit der Ladung. Nach einer eiskalten Nacht, schlug ich vor, den Fahrer, den ich in meiner Geschichte zum Personenschutz einfach Am nenne, anzurufen. Am konnte ziemlich gut Englisch. Sein Gefährte verständigte sich ausschliesslich mit den Händen, was beim Telefonieren schwieriger wäre. Es konnte doch nicht sein, dass die zwei Fahrer an Weihnachten in einem kalten LKW sitzen mussten, weit weg von Zuhause. Michael rief an und als er die warme Dusche erwähnte und dass wir sie abholen und zurückbringen würden, brauchte es keine Argumente mehr.

Wir bereiteten Baklava und Tee, wärmten unseren Boiler auf, um sicher genug heisses Wasser zu haben und hiessen die Männer herzlich willkommen. Sie entspannten sich rasch, freuten sich sehr, wieder einmal heiss duschen zu können und fühlten sich sichtlich wohl. Am erzählte die Geschichte seines Volkes, zeigte uns Bilder von Spezialitäten und Orten seiner Heimat. Dann trübten sich seine Augen. Er zückte sein Telefon und scrollte durch ein Fotoalbum. Es beinhaltete Bilder seiner Familie: zwei herzige Kinder im Grundschulalter und eine sympathische Frau mit wunderschönen schwarzen Locken. Dann kamen Bilder von ihrem dreistöckigen Haus, seinem Geschäft und seiner Stadt. Sein schlanker, leicht gebräunter Finger bewegte sich über den Bildschirm und enthüllte ein schockierendes Bild. Es folgten die „Nachher-Aufnahmen“: Das Haus bombardiert und zu Schutt reduziert, sein Geschäft plattgewalzt und seine Stadt verschwunden. Nur noch das Gotteshaus stand.

Seine Familie habe die Bombardierung überlebt. Sie seien in eine nahegelegene Kleinstadt geflüchtet, wo sie zu viert ein Zimmer bezogen hatten. Er sei noch am gleichen Tag zur Bank gegangen, denn er hatte dank seinem fortschrittlichen Geschäftssinn viel Geld sparen können (wir sprechen von einer grossen fünfstelligen Zahl). Mit dem Geld würden sie neu anfangen können: ein neues Haus kaufen, ein neues Geschäft aufbauen. Die Bank schaute sich seinen Pass an und behauptete, dass er bei ihnen nie ein Konto gehabt hätte. Nur weil er einer Minderheit angehörte, die die Regierung nicht tolerieren wollte.

Es blieb ihm nichts anderes übrig als jede Stelle anzunehmen, die sich ihm bot.

So kam er zum Fahren.

Er war ungefähr sechs Wochen in Europa unterwegs und würde umgerechnet 200 Euro bekommen, sobald er die Ladung in seiner Heimat abgeladen hatte. Dann hoffte er auf einen nächsten Auftrag.

Die beiden Fahrer waren berührt, dass wir sie eingeladen hatten. Das sei ihnen noch nie passiert und sie schätzten es sehr. Für uns war es eine Selbstverständlichkeit und gleichzeitig eine Bereicherung. Nachdem uns Am seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, war er sichtlich aufgeregt. Die Männer gingen nach draussen und rauchten eine Zigarette. Danach wollten sie zurück zu ihren LKWs. Sie konnten es nicht riskieren, ihre Ladungen zu lange unbeaufsichtigt zu lassen. Wir verabschiedeten uns und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Wir ahnten noch nicht, dass wir an jenem Tag eine tiefgreifende Freundschaft besiegelt hatten.

Das neue Jahr begann relativ ereignislos. Der Alltag hatte uns wieder und doch nahmen wir uns Zeit für ein WhatsApp hie und da. Am bekam englische Botschaften aus dem Schweizer Leben und sein Gefährte ein paar Bilder und Emojis. Ein paar Wochen später lag ein kleines Paket mit fremdländischen Marken im Briefkasten. Es war von Am. Bei seinem Besuch, als er uns Bilder von Spezialitäten aus seiner Heimat gezeigt hatte, hatte mir ein Armband besonders gefallen. Ich hatte gelächelt und gesagt, dass es „nice“ sei. Am hatte es sich gemerkt und mit seiner Frau zusammen eingekauft. Nun lag das Armband vor mir und mit ihm ein grosses Dankeschön für unsere Gastfreundschaft.

Sie würden das nie vergessen.

Die Monate, die folgten, vertieften unsere Freundschaft mit Am. Wir lernten ihn und seine Familie besser kennen und sie uns. Wir tauschten Meinungen und Erfahrungen aus, zum Weltgeschehen, der Menschheitsgeschichte, familiären Angelegenheiten, Philosophien und Inspirationen. Am war nicht nur ausserordentlich intelligent, sondern auch witzig und interessiert daran, sich neues Wissen anzueignen. Was uns sehr beeindruckte war, dass er sich trotz der schwierigen vergangenen und gegenwärtigen Umständen nicht unterkriegen liess. Er blieb positiv und optimistisch.

Wir nahmen gegenseitig am Leben des Anderen teil. Am spielte Lotto und bat uns um Glückszahlen – den Gewinn wollte er mit uns teilen. Wir besprachen wichtige Entscheidungen mit ihm und waren oft dankbar für seine Sichtweise. Wenn er im LKW unterwegs war, leisteten wir ihm Gesellschaft, wenn er zuhause war, tauschten wir Bilder aus. Seine Familie war zu einer Hochzeit eingeladen, Am schickte uns kurze Videos der Live-Musik und der Tänze seiner Freunde in farbigen Kleidern.

Als ich unser Auto einschoss, boten sie an, uns für die Reparatur Geld zu schicken. Sie, die selber kaum Vermögen hatten. Wir schauten uns via WhatsApp die Mathe-Hausaufgaben der Kinder an, hörten ihre Geschichten zu Prüfungen und Zeugnissen. Ams Frau begann einen Pullover für mich zu stricken. Als ich nach einer Operation ziemlich geschwächt war, lud sie mich zu ihnen nach Hause ein, sie würde für mich sorgen und mir kochen. Alles hätte so schön sein können. Inzwischen war jedoch die politische Lage so gespannt, dass ein Besuch kaum möglich war. Wir begannen, uns Sorgen zu machen. Bei Unruhen wurde Am bei zwei Gelegenheiten festgenommen, weil er sich für den Frieden einsetzte. Auch sein Telefon hatte die Polizei beschlagnahmt. Wie würde das Leben für unsere Freunde weitergehen?

Weiterlesen im Teil 2 – die Flucht.