Mein Ding

„Was machst du beruflich?“, erkundigt er sich beiläufig. Das werde ich oft gefragt und die Länge meiner Antwort variiert nach Laune und Gegebenheit. „Webdesign“, ist eine beliebte Variante, „ich bin Primarlehrerin“, eine andere. Manchmal gelüstet es mich danach, die ganze Liste preiszugeben. Das klingt dann in etwa so:

Ich mache Websites und löse Webprobleme, unterrichte als Stellvertretung an Primarschulen, manchmal an einer Oberstufe oder im Kindergarten, auch mal als Heilpädagogin oder Fachlehrperson. Im Moment bin ich grad an einem kleinen Projekt der Pädagogischen Hochschule dabei, unterstütze ein paar geflüchtete Menschen in ihrem Alltag in der Schweiz und engagiere mich für die Konzernverantwortungsinitiative. Ich gebe Beratungen zu Web- und Lebensthemen, schreibe an meinem vierten Buch, arbeite als Simultandolmetscherin, blogge, kreiere Newsletter, nähe. Ich bin Frau, Mutter und Hausfrau. Oh, und ich beginne bald eine Weiterbildung zur Mentaltrainerin.

„Hm, ich sehe, du hast dein Ding also auch noch nicht gefunden“, erwidert er wie aus der Pistole geschossen. Noch vor einem Jahr hätte ich ihm recht gegeben, jetzt weiss ich es besser:

Mein Ding sind viele Dinge, die sich spontan verändern.

Das mit den vielen Dingen hatte sich während meines Studiums eingeschlichen. Vor fünf Jahren entschied ich mich dazu, auf einem zweiten Bildungsweg Primarlehrerin zu werden. Damit begann für mich ein neues Lebenskapitel, in dem ich nicht nur viele spannende Fakten zur Pädagogik, Psychologie und Forschung lernte, sondern auch meinem inneren Kern um einiges näher kam. Meine Arbeit als selbständige Webdesignerin war ideal, um nebenbei – vor, zwischen und nach den Seminaren und Vorlesungen an der PH – Geld zu verdienen. Dann gründeten wir in unserem Dorf einen Verein, der es sich zur Aufgabe machte, geflüchtete Menschen bei ihrer Integration zu unterstützen (dazu gibt’s schon einen Blogbeitrag) und schon war ich bei einem weiteren „Ding“ mittendrin. Aus dem Nichts kamen spannende Angebote, Dinge, die ich schon kannte, und andere, die mir fremd waren. Alles, auf was ich Lust hatte, sagte ich zu. Spontan und mit Freude. Schon hüpfte ich wie eine vergnügte Biene von Job-Blume zu Job-Blume und je mehr Pollen an meinen Beinchen klebten, desto zufriedener wurde ich. Je mehr ich mich verzettelte, je mehr ich arbeitete, desto mehr Stunden schienen meine Tage zu haben.

Ich war ein positives Energiebündel.

Nicht selten wunderte sich mein Umfeld über meine scheinbar endlosen Tage. Vor allem wenn ich dann noch gestand, dass ich jede Nacht mindestens acht Stunden Schlaf und regelmässige Meditationen brauchte.

Natürlich gab es Momente, in denen ich müde war. Momente, in denen ich spürte, dass es zu viel wurde und ich eine Bremse zog. Gut gemeinte Ratschläge erreichten mich: „Du tanzt auf zu vielen Hochzeiten!“ „So viele Baustellen sind gefährlich.“ „Brenn dich nicht aus mit all den verschiedenen Aufgaben.“ War das wirklich so? Ich nahm mir vor, umgehend abzubauen, so bald das Studium beendet war. So unterzeichnete ich einen Vertrag für eine Stelle als Primarlehrerin, bei der ich nebenbei keine zehn anderen Jobs mehr haben müsste (oder könnte). Mich voll und ganz meiner neuen Aufgabe hinzugeben, würde mein „Ding“ sein. Vier Jahre hatte ich schliesslich auf diesen Moment hin studiert.

Mit Elan begann ich die neue Stelle und brannte schon nach wenigen Wochen aus. Zuerst sah ich das Problem unter anderem als Spätfolge der übermässig grossen, fast unmenschlichen Leistungen während der Studienzeit. Die vielen „Hochzeiten“ waren eben doch nicht gut für mich gewesen. Die Ratschläge hatten wohl recht behalten.

Dann erkannte ich, dank Regina (deren Lebensberatungen in an dieser Stelle wärmstens empfehlen möchte) und dank tiefgreifenden Selbstreflexionen ein weiteres Stück meines Wesens: Mein Ding war eben nicht EIN Ding, sondern viele Dinge. Es sind die Kombination, die Abwechslung, die Ungewissheit, welche Aufgaben der nächste Tag bringen wird, die Spontanität, die mir Energie geben und mich zufrieden machen. Die Ratschläge waren zwar lieb gemeint und wertvoll, aber Ratschläge basieren schlussendlich auf den Erfahrungswerten und Einsichten der ratschlagenden Person und sind nicht zwingend allgemeingültig.

Kleine Randbemerkung: Diese Erkenntnis werde ich mir selbst hinter die Ohren schreiben und das nächste Mal daran denken, wenn ich einen Ratschlag gebe.

Ich habe mit meinem Bauchgefühl Frieden geschlossen und akzeptiert, dass viele Dinge im Moment mein Weg sind. Dass sich ein stetig verändernder Fluss von Aufgaben (mit einem gewissen Überraschungscharakter) richtig anfühlt. Ich vertraue darauf, dass immer dann Aufträge und Angebote kommen, wenn ich sie brauche. Und ich habe den Mut, die Bremse zu ziehen, wenn mir mein Körper oder Geist, das Signal dazu schicken.

Es ist keine Schande, kein Ding zu haben und auch nicht unsere ultimative Lebensaufgabe, ein Ding zu finden. Es genügt, wenn wir spüren, was wir gern tun und was nicht und uns danach richten.

4 Kommentare

  1. Lieben Dank für deinen ehrlichen Blogpost, der mir aus dem Herzen spricht. Multitalente suchen oft nach dem einen Ding; bis sie merken, dass sie der Entscheid für ein Ding in ein Dilemma führt: Es fehlt einfach immer etwas, wenn man sich für ein Ding entscheidet. Gut, wenn man die Vielfalt zur Berufung machen kann.
    Das bringt etwas Stress, aber sicher mehr Erfüllung.

  2. Liebe Nadine,
    grosse Anerkennung, wie offen du über deinen Findungs-Weg sprichst – du machst Mut, es dir gleich zu tun. Gerade mit Berufen wie Lehrerin oder Verwaltungsmitarbeiterin könnte „man“ doch meinen, dass „man“ doch richtig liegt und „man“ endlich zufrieden sein sollte. Doch, „Man“ hat eben auch nicht immer Recht – sprich: auch die mehrheitsfähige Meinung gilt nicht unbedingt für das Individuum.
    Aaron, mein Sohn – kennst du ja. Auf die Frage, ob Nadine immer so übersprühe vor Ideen und Tatendrang, war seine Antwort: Ja, sie macht eben ihr Ding!
    Was nebst, dass er dich erkannt hat am richtigen Ort angekommen zu sein – auch eine 2. Erkenntnis mit sich bringt. Für junge Menschen gibt es ein „man“ gar nicht mehr. Das ist ein Auslaufmodel. Sie machen – was sie für gut finden und weil es ihnen gut tut – und im Wissen darum, dass sie damit auch anderen Menschen Gutes tun.
    Werde nun vermehrt deinen Blog lesen. Sehr inspirierend.

    Liebe Grüsse Irene

    • nadinehudson

      Liebe Irene
      Deine Worte haben mich sehr, sehr berührt. Ich antworte dir dann privat noch. Aber was ich hier öffentlich sagen will: Ich finde es gut, wenn es für die Jungen kein „man“ mehr gibt (nicht nur für die Jungen ;-)). Denn die Welt verändert sich rasch und je mehr die Menschheitsfamilie das tun, was ihnen gut tut und sie glücklich macht, also sich mit ihrem inneren Kern wiederverbindet, desto besser wird die Zukunft aussehen.

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