Ich und meine Pyjama-Hose

Es passierte in Vietnam. Damals sah ich zum ersten Mal Frauen in Pyjamas, die shoppten als wäre es das normalste der Welt. Ihr versteht mich richtig: in der ÖFFENTLICHKEIT! Und es waren nicht nur hübsche Pyjama-Hosen mit rosa Herzchen und Bärchen.

Das hatte mich beeindruckt.

Diese Frauen schienen sich um die Meinung ihrer Umwelt zu foutieren. Noch besser: Auch die Umwelt schien die Pyjama-Frauen zu ignorieren. Gut so, dachte ich, so weit will ich eines Tages auch kommen. Damals glaubte ich noch daran, dass Liebe etwas damit zu tun hat, so zu sein, wie dich andere möchten.

Vor ein paar Wochen, in einer Boutique in England, fand ich eine Hose, die ich gleich so liebte, dass ich sie kaufen musste. (Sonst sieht man mich eher in Kleidern aus Kleidersäcken von Bekannten oder selbstgenähmter Ware.) Die Hose hing in der Schlafanzugabteilung, auf der Etikette stand „night owl“ und darüber ein unmissverständliches Schild: Pyjamas. Mir wars egal. Und wie. So eine tolle Hose war viel zu schade fürs Bett!

Als ich das erste Mal in der Pyjama-Hose zur Arbeit fuhr, kamen mir die Frauen aus Vietnam in den Sinn und ich schmunzelte. Mittlerweile sah man mich öfters in der Öffentlichkeit in Pyjamas, barfuss oder mit zwei verschiedenen Socken. Wer sich jetzt einen Schlabber-Look vorstellt und denkt, ich wäre einfach zu faul dazu, mich zu pflegen, liegt falsch. Ich rede davon so zu sein, wie ich bin. Mich so anzuziehen, wie ich mich gut fühle. Denn wenn ich mich gut fühle, dann bin ich auch schön. So was strahlt man aus. Ich bin überzeugt davon, dass mein Umfeld es spürt, wenn es mir wohl ist.

Die Pyjama-Hose zog am ersten Tag viele Blicke an – eigentlich bis heute, auch ein paar kritische, aber Komplimente gabs auch. Ich strahlte den ganzen Tag.

Es war so richtig befreiend, so angezogen zu sein, wie es meiner Seele entsprach.

Bunt, blumig, weich, ein wenig verträumt und verrückt. Halt einfach ich. Nachdem ich im Mai das vierjährige Studium beendet hatte, gestand mir eine gut zwanzig Jahre jüngere Kommilitonin, dass mich viele der Klasse am Anfang als seltsamer Vogel angeschaut hätten. Ich sei mit den, in ihren Augen, unmöglichsten Kleidern und Kombinationen dahergekommen. Indische Salwar Kameez, Socken in Sandalen, Röcke über Hosen. Ich hätte mich so ganz und gar nicht an Konventionen gehalten. Doch dann hätten sie mich besser kennengelernt und verstanden, dass ich echt war. Dass ich so war, wie ich bin und meine Authentizität zelebrierte. Das lernten sie zu schätzen.

Eigentlich geht es mir gar nicht um die Hose, sondern darum, dass ich gelernt habe, spontan so zu sein, wie ich mich gerade fühle. Natürlich gelingt mir das nicht jeden Tag, aber auch das ist okay. Heute weiss ich, dass Liebe bedingungslos ist.

2 Kommentare

  1. Grandios! Ich find es wirklich grandios und hoffe, dass ich auch eines Tages den Mut dazu habe 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.