Die Freude am Schenken

Mein Sohn Lenny hat eine Begabung dafür, mir scheinbar kontextlose Weisheiten aus dem Nichts vor die Füsse zu werfen:

„Wäre es nicht aufregend, einfach so, grosse Summen Geld verschenken zu können?“

Bevor wir die Idee gemeinsam weiterspannen, einigten wir uns auf die Grösse des Betrags: Zehntausend Franken. Was man damit alles anfangen könnte! Lennys spontane Wunschliste beinhaltete elektronische Hardware und abenteuerliche Reisen. Meine, Weiterbildungen und andere intellektuelle Stimulationen. Wir mussten uns nicht anstrengen, um das Gefühl eines mit 10’000 Franken Beschenkten, nachempfinden zu können. Wir hatten das schon mal erlebt.

Vor ein paar Jahren überwies ein Freund als Dankeschön für meine Unterstützung bei einer schwierigen Lebenssituation als Überraschung eben solche zehntausend Franken auf unser Konto. Einfach so. Ohne Bedingungen. Ohne Erwartungen.

Wir waren fassungslos.

Schwankten zwischen dem Gefühl, das nicht annehmen zu können und dem ebenso starken Gefühl von purer ekstatischer Freude. Zehntausend Franken. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wann bekommt man schon einfach so zehntausend Franken? Natürlich ist das nicht die Art von Vermögen, die einem erlaubt, die Arbeit aufzugeben, ein Haus zu kaufen oder für ein paar Jahre die Welt zu bereisen. Aber mit zehntausend Franken kommt man ganz schön weit. Je nach Lebenssituation erlauben sie einem, etwas tiefer durchzuatmen und die Geldsorgen für eine Weile abzulegen. Sich ein paar Wünsche zu erfüllen, die sonst nur Träume blieben. Sie erlauben eine Investition in Bildung, einen neuen beruflichen Anstoss, das Verwöhnen von Familie und Freunden. Oder ein Pölsterchen für regnerische Tage.

Geld ist bei weitem nicht das Wichtigste im Leben. Aber so geschenkte Zehntausend, Boah, das ist schon was. Plötzlich stehst du vor Möglichkeiten und du fragst dich nicht mehr, was du tun würdest, wenn du Geld hättest, sondern was du tun wirst, mit dem Geld, das du plötzlich hast. Wir schwappten über vor Dankbarkeit und Ideen.

Zurück zu Lennys Frage

Wie es ist, zehntausend Franken zu erhalten, hatten wir erfahren dürfen. Nun stellten wir uns vor, auf der anderen Seite zu stehen. Wie tiefst befriedigend wäre es doch, in der finanziellen Lage zu sein, regelmässig solche Summen zu verschenken. Zufallsmässig Menschen auszusuchen, denen man zehn Tausenderscheine in die Hand drückt. Freude, positive Gedanken und Energien sind ansteckend. Ist das nicht mittlerweile sogar wissenschaftlich erwiesen? Anstatt sich mit kurzfristigen Kicks beim Erwerb von teuren Gütern zu begnügen, würde man sich sozusagen selber regelmässig nachhaltig überraschen. Jede und jeder Beschenkte würde anders reagieren. Die Freude, anderen ein unerwartetes Glück zu bescheren, ist riesig. Dabei müssen die Beschenkten nicht unbedingt wissen, woher das Geld gekommen ist. Der reine Akt des Schenkens, gepaart mit der Vorstellung, was alles daraus wachsen könnte, würde reichen, um sich selber mit etwas zu beschenken, das kaum beschreibbar ist: Eine zutiefst berührende und erfüllende Zufriedenheit.

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