Sieben Stunden schweigen

Als Teil der Hudsonfamily werde ich immer wieder nach meiner Lieblingsreise gefragt. Jemand, der schon über sechzig Länder bereist hat, muss doch Vorlieben haben. Das stimmt. Im Moment steht der Oman ganz oben. Gleichzeitig gibt es eine Reise, die für mich farbenfroher, spannender und intensiver ist, als alle anderen. In der Tat ist es die ideale Destination: Die Anreise ist kurz, kostenlos, umweltfreundlich und jederzeit möglich. Die Sprache an jenem Ort ist universal. Ich spreche von der Reise in mein Inneres: der Meditation.

Ich meditiere schon seit Jahren

Gelegentlich und immer dann, wenn sich eine Möglichkeit bietet. Die Meditation gibt mir Ruhe in stürmischen Zeiten, Klarheit, vor wichtigen Entscheidungen, Vertrauen, wenn sonst alles rumort, eine bedingungslose Liebe, die alles und alle umfasst. Die Meditation erfrischt mich, bringt mich auf beide Füsse und lässt mich zufrieden weiterschreiten.

Bis vor kurzem kannte ich nur die geführte Meditation. Das heisst, es spricht entweder eine anwesende Person oder eine Aufnahme mit mir und leitet mich Schritt für Schritt an: Konzentriere dich auf die Atmung, geh tiefer, führe deine Aufmerksamkeit in deinen rechten Fuss… Oder gar eine geführte Meditations-Reise: Stell dir vor, du stehst vor einem Gebäude. Wie sieht es aus? Kannst du reingehen? Ist jemand da? … Schweife ich gedanklich ab, bringt mich die Stimme zurück. Wunderbare Bilder tauchen auf, Abenteuer, wie in den besten Träumen, bieten sich an und Antworten auf Fragen – wenn auch öfters mal verschlüsselt.

Vor einigen Wochen nahm ich an einem Meditationstag, gestützt auf dem buddhistischen Vipassana, mit Samuel Theiler im Coplus teil. Typischerweise hatte ich mich in meiner Begeisterung angemeldet, ohne den Text zu Ende zu lesen. Hätte ich der Ausschreibung mehr Aufmerksamkeit geschenkt, wäre mir das mit dem Schweigen aufgefallen. Vielleicht hätte ich mich aufgrund dieser mir so ganz und gar befremdenden Tatsache gar nicht angemeldet. So kann ich im Nachhinein nur sagen: Zum Glück hatte ich es übersehen! Ich freute mich wie ein kleines Kind auf all die neuen Leute, die ich kennenlernen würde; es würde so viel zu reden geben. Neben der Meditation würde der Tag von neuen Bekanntschaften geprägt sein und vom gegenseitigen Austausch interessanter Weisheiten und Geschichten.

Als ich am Morgen des Meditationstages das Programm durchliess, sah ich mit Schrecken den Satz: Es wird den ganzen Tag geschwiegen.

Ich und schweigen? Das würde spannend werden… Der Tag war fantastisch. Er lehrte mich, dass mir Schweigen eine Ruhe bringt, die ich sonst kaum kenne. Dass ich meditieren kann ohne Bilder, ohne Geschichten, ohne Fragen. Dass es in meinem Körper still werden kann. Während sieben Stunden war ich ohne Sprache, blieb die ganze Zeit stark „bei mir“, war achtsamer denn je. Beim Mittagessen hätten wir reden dürfen, aber mein Bedürfnis danach war verschwunden, mein Wunsch nach Ruhe zu gross. Wir meditierten ohne Führung. Während rund fünf Stunden taten wir nichts anderes als bewegungslos sitzen und atmen und gehen und atmen. Die ganze Konzentration lag bei mir, bei meinem Körper, bei der Luft, die in mich und wieder hinaus strömte. Bei den Körperteilen, die sich meldeten, wenn es unbequem wurde. Es war keine Reise mit innerem Feuerwerk, es war pure Stille. Es war Sein.

Meine Dankbarkeit geht an Bettina (vom Coplus) und an Samuel für den wunderbaren Tag und an meine eigene Person, dafür, dass ich mich voll und ganz auf diese Meditation eingelassen habe.

 

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