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Ich stehe im Moment vor einer Kreuzung mit gefühlten zehn Abzweigemöglichkeiten. Vor ein paar Tagen klopfte ich deswegen per Email bei einer supertollen Frau an und bat sie um Unterstützung. Klarheit in Gedanken und Herz erreiche ich oft im Gespräch mit ebensolchen supertollen Menschen. Ihre Antwort kam prompt:

Ich bin DA!

Die drei Worte, Ausrufezeichen eingeschlossen, waren ein Volltreffer ins Herz und liessen meine Augen feucht werden. Bin ich nicht ein Glückspilz?, schoss es mir durch den Kopf. Ich habe mal gelesen, wie sich Bäume und Sträucher eines Waldes unterirdisch verbinden und sich dabei enorm sozial verhalten. Ich fühle mich grad wie der Baum in so einem Wald: unsichtbar vernetzt mit vielen wunderbaren Wesen.

Fast täglich erreichen mich liebe Botschaften und Gesten. Manchmal ist es ein „Ich hab dich gern“ per WhatsApp, manchmal erkundigt sich jemand ehrlich nach meinem Wohlbefinden und manchmal will jemand von mir einen Rat. Meine Freundschaften sind ein regelrechter Fluss der Liebe. Manchmal klagen wir zusammen, manchmal üben wir gemeinsam die gute Laune und manchmal gestehen wir uns ein, dass wir zu diesem Zeitpunkt keine Zeit oder Energie füreinander haben.

Vor ein paar Wochen erklärte mir eine Freundin, die sich eine halbe Ewigkeit nicht mehr bei mir gemeldet hatte, ehrlich, dass sie durch einen schwierige Phase ginge und diese Phase alleine, ohne gut gemeinte Ratschläge durchstehen wollte. Es hätte nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Ich kann diese Aussage nicht nur akzeptieren, sondern ziehe meinen Hut vor so viel Mut und Ehrlichkeit.

Ich sehe es als Zeichen des gegenseitigen Respekts, wenn wir aufrichtig miteinander sein können.

Eine Freundschaft ist – meiner Meinung nach – keine Verpflichtung auf immer und ewig und in allen Situationen. Auch gibt sie uns kein Monopol für die Aufmerksamkeit dieser Person. Ich erwarte von einem Freund oder einer Freundin nicht, dass er oder sie um drei Uhr morgens meinen Telefonanruf beantwortet, um mir beim Heulen zuzuhören. Freunde dürfen auch Nein sagen. Sie dürfen mitteilen, wenn es nicht passt, wenn sie im Moment keine Kraftreserven haben. Und dann gibt es Freundschaften, die sich friedlich auseinanderleben. Auch das ist legitim. Viele von uns verändern sich. Ich sehe das als Kompliment.

Das schönste ist dann doch, wenn es klappt und passt. Wenn wir füreinander da sein können, spontan zuzsammen lachen und heulen. Wenn wir Verständnis empfangen oder geben und Worte hören oder sprechen, die guttun wie Balsam, uns in eine warme Decke packen und uns weiterbringen. Es darf auch mal heissen: „Du bist meine Heldin, keine Frage, aber schau mal, da hättest du vielleicht auch anders reagieren können…“

So ein Freundin-Mensch braucht keine Etikette mit „Freund“ darauf und keine Prüfung mittels Checkliste, die zuerst bestanden werden muss. Freunde können Menschen sein, die ich kaum kenne oder der Mensch, den ich am besten kenne: meinen Ehemann und alles dazwischen. Das Wort Freundschaft hat für mich keine definierten Grenzen. Wie die Liebe auch nicht.

Und die wahre Freundschaft?

Wenn ich an meine Freundinnen und Freunde denke, dann sehe ich ihr Gesichter vor mir, mein Herz wird warm, meine Lippen formen sich automatisch zu einem Lächeln und ich fühle mich verbunden. Wie die Bäume im Wald. Es ist wie heimkommen, Ruhe finden, Frieden erleben. Ein sich verstanden und angenommen fühlen. Bei einem Wiedersehen ist es, wie wenn wir nie getrennt gewesen wären. Ich empfinde eine tiefe Liebe und Dankbarkeit für den anderen. Schön, dass es euch gibt!