Über’s Loslassen

Campingurlaub in Namibia klingt romantisch. Ist es auch. Gleichzeitig wurde uns letzten Sommer so richtig bewusst, dass unsere Kinder keine Kinder mehr sind. Dass das Thema Loslassen vor der Türe steht. Unser Familienalltag war in den letzten Monaten Richtung WG gedriftet: Einige gemeinsame Mahlzeiten, ab und zu ein Filmabend zu viert, ein Glas Wein zum Feiern und tolle Gespräche. Zwischendurch gab es gutgemeinte elterliche Vorschläge (oder Interventionen) und meinerseits viel mütterliche Zuneigung mit ebenso gutgemeinten Ratschlägen und Hilfestellungen.

Wir sind eine Reisefamilie

Auf Reisen fügt sich bei uns jeweils alles automatisch zusammen: Wir ergänzen uns, wir verstehen uns ohne Sprache, wir fallen in unsere eingespielten Rollen. Namibia waren anders. Vielleicht weil unserer älterer Sohn erst eine Woche später anreiste und sich in ein bereits gefestigtes Team einfügen musste? Vielleicht weil unsere Kinder eben keine Kinder mehr sind? Plötzlich sassen vier individuelle, sehr unterschiedliche Menschen mit komplett verschiedenen Bedürfnissen am Campfeuer. Und plötzlich gab es Unstimmigkeiten. Unsere Familienharmonie hing schief.

Vielleicht hing sie schon länger schief? Vielleicht hatten wir es im Alltag übersehen? Schliesslich muss es auch nicht immer rund laufen. Was im Alltag irgendwie wenig störte, wurde in der namibischen Wildnis plötzlich zum Problem. „Lass uns den Elefant im Zimmer angehen“, begann mein Mann eines Abends, als wir uns alle zum Essen hingesetzt hatten. Wir sprachen uns aus, liessen jeden zu Wort kommen und trafen ein paar Entscheidungen für die kommenden Wochen. Nach dem Gespräch spazierten unser jüngerer Sohn Lenny und ich zu den Outdoor-Toiletten. „Ich möchte dir etwas unter vier Augen sagen“, begann Lenny und verzog sein Gesicht nachdenklich. Er zögerte einen Augenblick, dachte nach.

„Lass uns die Situation mit einem Staudamm vergleichen.“

Staudamm? Wie in aller Welt kam mein Sohn auf einen Staudamm? In den Sanddünen von Namibia? Und auf was wollte er hinaus? Er hatte meine volle Aufmerksamkeit.

„Stell dir einen starken, grossen Staudamm vor“, fuhr er fort. „Dahinter liegt ein wunderschöner, ruhiger See. Das ist unsere Familie. Jahrelang war der See idyllisch und die Oberfläche ruhig und klar. So ein Damm hält aber nicht ewig. Irgendwann bilden sich kleine Risse. Sie werden grösser und grösser und lassen immer mehr Wasser durchströmen. Zuerst nur tröpfchenweise, dann kleine Wasserfälle, dann droht der ganze Damm zu brechen. Der See braucht mehr Platz, wird unruhiger.“ Ich begann zu ahnen, was mir mein Sohn mitteilen wollte. „Weisst du, was du tun kannst, damit der Damm nicht bricht? Du öffnest einige der Schleusen. Zuerst ein wenig, dann immer mehr.“

Lenny schaute mich ernst an: „Versuch es doch, einfach ein paar Tage. Öffne die Schleusen und wenn es nicht geht, dann schliess sie wieder. Du kannst dabei nichts verlieren.“

Ich stand mit Tränen in den Augen vor meinem wunderbaren Sohn. Er war so weise, so grosszügig, so sanft in seiner Art mir eine so wichtige Botschaft zu überbringen. Ich hatte mich immer als offen empfunden, als Mutter, die ihren Kindern eine lange Leine bietet. Als Mensch, der mit dem Loslassen keine Probleme hat. Doch Lenny hatte recht. Es war Zeit, die Schleusen weiter zu öffnen. Nicht die äusseren, aber die inneren. Einmal mehr durfte ich dankbar feststellen, dass mir meine Söhne die Richtung wiesen, wenn ein Eltern-Meilenstein anstand. Einmal mehr durfte ich verstehen, dass das Verantwortung als Mutter tragen nicht ausschliesst, die Botschaften unserer Kinder wahrzunehmen, auf sie einzugehen und sie anzunehmen. Im Gegenteil.

PS. Die Reise verlief mit geöffneten Schleusen wunderbar. Lust auf Bilder? Zum Namibia-Album und Film.

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