Der Luxus vom Verlorensein

Wüste

Wo ist nur diese verlassene Tanksäule?, frage ich mich schon seit mehr als zwei Stunden. Oder sind wir verloren?

Die Geschichte geht so:

Wir sind im Oman, in einem gemieteten 4×4 Fahrzeug und durchqueren die Wahiba Wüste. Hinter uns folgen drei weitere Fahrzeuge. Im burgunderroten Jeep sitzen zwei junge Männer, die im Oman leben. Sie sollten die Wüste kennen. Wir dachten, sie würden uns führen, sie dachten dasselbe von uns. Als sie schon in der ersten Stunde des ersten Tages falsch fuhren, wurde schnell klar, dass wir uns nicht auf sie verlassen konnten. Vielleicht hätten wir uns vorher absprechen sollen. Aber solche Reflexionen nützten im Nachhinein nichts. In den anderen zwei Fahrzeugen sind Touristen wie wir. Eine Familie aus Frankreich und zwei Männer aus Holland. Sie waren spontan gefolgt, als wir erzählten, dass wir die Wüste durchqueren werden. Schliesslich hatte ich kompetent und zuversichtlich geklungen.

Die Wüste durchquert man nicht allein, das ist zu gefährlich. Laut Reiseführer sterben manchmal verlorene Reisende. Als ich den Offroad-Führer mit seinen präzisen Wegbeschreibungen anschaue, frage ich mich schon, wie man trotzdem verloren gehen könnte. Da hat es Satellitenbilder, Koordinaten und Beschriebe. Folgt man diesen, kann nun wirklich nichts schief gehen.

Ich habe mich noch nie im Leben mit Koordinaten befasst.

Als wir die Tanksäule nicht finden, an der wir schon vor langer Zeit hätten vorbeikommen sollen, verfluche ich mich innerlich. Vielleicht hätte ich vor der Durchquerung schauen sollen, wie man sich an Koordinaten orientiert. Dank dem Kompass wissen wir, wo das Meer liegt. So lange wir ostwärts fahren, werden wir schon irgendwann an der Küste ankommen. Ich mache mir keine Sorgen. Bis zum Meer sind es nur dreissig Kilometer. Oder vierzig. Vielleicht auch fünfzig. Aber mit einem Fahrzeug ist das ein Katzensprung.

Wir haben genug Wasser dabei, genug Proviant. Die Holländer haben sogar eine Kühlbox mit kalten Getränken im Kofferraum. Zeit haben wir eigentlich auch, hatten wir zumindest, bis sich am zweiten Morgen – da waren wir noch auf dem richtigen Weg, der, aus dem Buch, der uns an der Tanksäule hätte vorbeibringen sollen – der Holländer an einem Grill schnitt. Die Wunde war gross und tief, meine drei Pflaster und der Merfenspray taugten nicht viel. Da stellte sich heraus, dass die Französin Krankenschwester ist und einen riesigen Notfallkoffer mitführt. Sie klebt die Wunde mit Steristrips zusammen, rät aber dringlichst, noch am gleichen Tag in ein Krankenhaus zu gehen. „Bis am Nachmittag sind wir aus der Wüste raus“, erkläre ich der Gruppe und zeige mit dem Finger auf die Stelle im Buch, wo wir uns befinden. Ich blättere eine Seite um, das Ende der Wüste, die Küste, ist nicht weit weg.

Wir fahren weiter, folgen den Anweisungen im Buch.

Die Gegend wird sandiger, die Dünen sind plötzlich rundherum, die Reifenspuren verlaufen sich im Sand. Es wird offensichtlich, dass wir falsch gefahren sind. Wir beraten uns. Sollen wir weiterfahren, einen Weg durch die Dünen suchen? Oder zurück, so lange wir noch unseren eigenen Spuren folgen können? Das ist keine Option, dazu fehlt uns das Benzin. Das GPS im burgunderroten Fahrzeug zeigt einen leeren Bildschirm. Das Handy hat schon lange keinen Empfang mehr, die Google Map zeigt nur, wo das Meer ist. Es sind rund 35 Kilometer durch die Dünen.

Wir lassen die Luft aus den Reifen, um den Fahrzeugen Kamelfüsse zu geben. Das Sandfahren macht Spass, strengt aber auch an. Desmond steht auf dem Trittbrett, hält sich am Dach fest und schaut voraus, während dem Michael vorsichtig durch die Dünen fährt. Die drei Fahrzeuge folgen. Dann bleiben wir stecken. Das zweite Fahrzeug will uns rausziehen, bleibt ebenfalls stecken. Wir schaufeln, legen Sandbretter unter die Räder, schieben, ziehen. Einmal, kurz darauf wieder und gleich noch einmal. Fünfzehn Mal bleibt einer von uns stecken.

Langsam werden wir zum Team

Die Anstrengung schweisst uns zusammen und je besser wir zusammen arbeiten, desto schneller kommen wir vorwärts. Trotzdem ist die Bilanz nach fünf Stunden schockierend. Wir haben gerade mal sieben Kilometer geschafft. Die Dünen werden stetig unpassierbarer, der Sand weicher, tiefer. Die Sonne steht nahe dem Horizont. Schon wieder bleibt einer stecken, das Fass ist voll. Die gute Laune schwindet, der Abenteuergeist ist sehr gestreckt. „Hey, Leute, lasst uns hier campieren und morgen weitermachen. Wir werden es heute nicht mehr schaffen und so weiterzumachen, bringt wirklich nichts“, schlage ich vor und werde einstimmig angenommen. Wir errichten Camp. Der Franzose fragt mich, ob wir wirklich verloren seien. Ich gebe zu, dass wir dies sind. Bevor er sich Sorgen machen kann, gebe ich ihm einen Schubs. „Schau doch um dich, ist das nicht ein Traum? Wie oft haben Menschen das Privileg, an so einem Ort zu sein und gleich noch hier übernachten zu können?“ Rundherum liegen Dünen, die in der Abendsonne goldig glänzen. Sie legen sich lieblich über die Landschaft. Es ist mucksmäuschenstill. Wir setzen uns auf den Kamm einer Düne und schauen der Sonne zu, wie sie sich schlafen legt. Dann machen wir ein Lagerfeuer – Holz haben wir dabei – und lassen die Nacht unter der Sternendecke ausklingen.

In unser Welt ist es nicht einfach, ganz verloren zu sein. Es ist ein Luxus.

Unser Lenny spricht weise Worte. Wer kann es sich schon noch leisten, verloren zu sein. Immer wissen wir, wo wir sind. Immer wissen die anderen wo wir sind. Mit dem Smartphone haben wir dauernd eine Rückversicherung dabei.

Lange liege ich wach im Zelt. Ich geniesse die Stille. Mehr als alles andere geniesse ich, in dieser Nacht kein Ziel zu haben. Ich bin in der Wüste, verloren, egal was der nächste Tag bringen wird. In dieser Nacht bin ich einfach. Es ist eine geschenkte Nacht. Dauernd folgen wir Zielen. Auch an der Pädagogischen Hochschule lernen wir, die Kinder zielorientiert zu unterrichten. Oft wurde ich gefragt, welche Ziele wir mit unseren langen Reisen verfolgten. Welches Ziel mein Buch hätte. Ich murmle dann eine Antwort. Erfinde Ziele, der Antwort willens. Eigentlich aber tue ich viel im Leben, ohne dabei ein offensichtliches Ziel zu verfolgen. Unüberlegt, spontan. Auch die Fahrt durch die Wüste.

Am Morgen wecken uns ein paar Krähen. Ich nehme sie als Zeichen dafür an, dass alles gut werden wird.

Wir setzen den Weg durch die Dünen fort. Plötzlich erscheint auf dem GPS im burgunderroten Fahrzeug eine Spur. Sie ist nur dreieinhalb Kilometer entfernt, führt jedoch nordwärts, also in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Wir einigen uns darauf, ihr zu folgen und schaffen es nach zwei Stunden, den blinkenden Punkt auf dem Bildschirm zu erreichen. Die Spur führt, laut GPS nach rund 160 km wieder aus der Wüste und zwar da, wo wir hergekommen sind. Wir teilen uns das Benzin aus dem Reservekanister, der burgunderrote Jeep verlässt uns, sie sind unter Zeitdruck. Wir wissen, dass das Benzin nicht reichen wird, vertrauen darauf, dass sich eine Lösung ergeben wird. Eine Wahl haben wir sowieso nicht. Wir fahren, bis der Tank leer ist und genau dann treffen wir auf eine Beduinenbehausung. Die nette Nomadenfamilie wird uns Benzin beschaffen, es wird aber ein paar Stunden dauern. Sie laden uns in ihre Behausung ein und so verbringen wir einen weiteren, geschenkten Nachmittag.

Die Wunde am Unterarm des Holländers ist inzwischen auf gutem Weg zur Heilung. Als wir es am frühen Abend endlich aus der Wüste schaffen, verabschieden wir uns wehmütig. Die Erinnerungen an die ziellose Luxusnacht wird uns lange bleiben.

(Wüste ab 2.22)

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