Die kleinen Sachen zählen, nicht die Monster

Ich öffne Facebook und es erschlägt mich fast. Hasserfüllte Parolen und Probleme. Schlagzeilen. Fake News und wahre, welche welche sind, weiss ich nicht mehr. Es wird von Rettung geschrieben, davon, was wir tun sollen, um alles besser zu machen. Denn alles scheint aus dem Lot zu sein.

Ich öffne Twitter und es geht weiter: Aleppo, Berlin, Trump, Krieg mit Russland, Krieg mit China. Scheissjahr 2016. Klagen, Angst, Schrecken. Ich mag es gar nicht mehr sehen. Die Monster sind los. Sogar die neusten Kinofilme scheinen alle ein Müü* brutaler geworden sein. Manchmal ist die beste Lösung, den Laptopdeckel zuzuklappen.

Darf ich zugeben, dass ich ein gutes Jahr hatte?

Ich getraue mich fast nicht, es zu sagen, aber mein Jahr war schön. Aus keinem speziellen Grund, es war einfach so. Es hat auch nichts gegeben, was jetzt so richtig herausstechen würde. Kein Wah-Erlebnis. Kein Lottogewinn. Noch nicht mal mein Studium ist abgeschlossen. Es gab schwierige Knacknüsse zu bewältigen, Momente, die ich mir lieber wegwünschte. Doch ich blieb darauf bedacht, die kleinen Sachen zu zählen und nicht die Monster.

Jede Freundschaft ist mehr wert als Moster. Jedes SMS, das mir einen guten Tag wünscht, jede Email, die von Liebe spricht.

Am Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich nicht nur die Handtasche mit, sondern auch mein Lächeln. Das ist gar nicht schwierig, man kann es sogar trainieren (das hat uns schon die tolle Vera F. Birkenbihl erklärt). Und dann schaue ich mich um. Wer weiss, vielleicht lächelt die Welt zurück. Und das tut sie. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Ich öffne mein Herz und es kommen hunderte von kleinen Sachen zugeflogen. „Ich hab’dich lieb.“ Ein Smiley mit Küsschen. „Wie geht es dir?“ – dazu der aufmerksame Blick, der signalisiert ich höre dich, ich höre zu. Eine Einladung zum Kaffee. Ist es nicht schön, dass jemand mit mir Zeit verbringen will? Ein gut gemeintes Wort bei einer Begegnung auf dem Dorfplatz. Ein Kind winkt mir zu. In der Post kommen Zeichnungen und Briefe von einer Primarschule, in der ich Monate zuvor ein Praktikum absolviert habe. Ist das nicht rührend? „Danke.“ Jemand schätzt meine Hilfe. Ein Dozent an der Hochschule geht auf meine Anmerkung ein. Ernstgenommen zu werden ist nicht selbstverständlich. Wir diskutieren. Frei. Von der Leber. Interessant. Ich bin bereichert. Eine Freundin ruft an. Liebe ist kostbar. Die Monster können mich mal.

Mein Leben läuft gut

Ich bin glücklich. Es geht mir nicht besser, als auch schon. Schliesslich werde ich älter und manchmal fühle ich mich rostig. Es ist auch nicht einfacher, als auch schon. Die Ereignisse in der Welt werfen zum Teil beängstigende Fragen auf. Eigentlich zeigt nichts darauf hin, warum ich genau jetzt glücklicher bin, denn je zuvor. Es ist einfach so. Ich bin glücklich, weil ich bin. Weil ich bei mir angekommen bin. Weil ich weiss, dass ich aus meinem Inneren schöpfen kann. Weil ich weiss, dass ich mein Umfeld berühren kann. Dass wir verbunden sind. Ich bin glücklich am Leben zu sein. Glücklich genug zu haben, um teilen zu können. Glücklich, weil ich Liebe geben darf. Glücklich, geborgen zu sein. Glücklich, die Welt mitgestalten zu dürfen. Glücklich, denn die kleinen Sachen zählen, nicht die Monster.

* Übersetzung: ein ganz kleines Stück

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3 Kommentare

  1. Super Nadine, das unterstütze ich! Wir dürfen uns alle glücklich schätzen, in der sichersten Zeit seit vielen Jahrhunderten zu leben! Vergiss die Monster, der Teufel steckt im Detail! Ich bin auch glücklich obwohl oder vielleicht gerade weil es so viele Gründe dagegen gäbe. Herzlichst, Martin

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