Dank den Touristen zum Studium

Somporn hiess der dicke Koch des heruntergekommenen Restaurants hinter dem Tempel. Seit Jahren hatten wir bei jedem Bangkokbesuch in diesem Lokal unser Frühstück eingenommen. Somporn war nie gut gelaunt gewesen, hatte uns trotzdem nett gegrüsst. Er stand vor dem dampfenden Wok, schweisstropfend in der tropischen Hitze und unglücklich mit seinen weit über hundert Kilo Körperfett. Seine Mutter, die Chefin des Restaurants, nörgelte dauernd. Wir verstanden sie nicht, konnten uns die Übersetzung aber ausdenken.

Den lieben langen Tag lag sie Somporn in den Ohren.

Und den lieben langen Tag erstickte der junge Mann seinen Frust mit fettigen Speisen und Süssigkeiten. Dies hatte sich seit meinem ersten Besuch in Bangkok nicht geändert.

Als wir Desmond und Lenny das leckere Frühstück vorführen wollten, fanden wir uns vor einer Baustelle wieder. Das Lokal gab es nicht mehr. An seiner Stelle, an bester Lage, wurde ein Hotel- und Geschäftskomplex erbaut. Die Ansprüche der Rucksackreisenden hatten sich verändert, das Angebot musste mithalten.

Somporn trafen wir wenige Tage später per Zufall im Park am Chao-Phraya-Fluss. Er lächelte uns von Weitem zu. Der junge Mann sah fantastisch aus, hatte rund fünfzig Kilo abgenommen, trug trendige Kleidung. Vorbei schienen die Tage der übergrossen T-Shirts.

«Hey, Somporn, du siehst super aus, wie geht es dir?», fragten wir verblüfft.

«Meine Eltern bekamen ein Kaufangebot für ihr Lokal», erklärte uns der junge Mann, «es war so gut, dass sie es nicht ablehnen konnten. Das Geschäft mit den Farang-Touristen hat die Preise dieser Gegend in die Höhe schiessen lassen. Innert weniger Tage haben meine Eltern verkauft und sind in ein billigeres Quartier umgezogen. Sie werden nie mehr arbeiten müssen, so viel Geld haben sie kassiert.»

«Und du?», erkundigten wir uns erfreut über das Glück seiner Eltern.

«Dank den hohen Preisen kann ich studieren. Mein Anteil am Verkauf finanziert das Studium.»

«Bist du glücklich?».

«Sieht man das nicht? Es könnte mir nicht besser gehen!»

 

Aus meinem Reisetagebuch: Thailand, Bangkok 2005

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