Die Angst vor Flüchtlingen

Ich fürchte mich nicht vor den Flüchtlingen. Ich fürchte mich vor denen, die Angst vor Flüchtlingen haben. Vor den Menschen, die mit grossen Zahlen und Statistiken aufmarschieren, mit grimmen Zukunftsprognosen um sich schlagen und Angstmacherschlagzeilen verschlingen wie Kinder Eis im Hochsommer. Vor den Menschen, die von Quoten sprechen, von Grenzen, von Wellen, von politischen Entscheiden. Mein Magen zieht sich bei so was zusammen, ich beginne zu schwitzen und mein Urvertrauen rennt davon. Schneller als es Usain Bolt könnte.

Dann besinne ich mich auf das Antidot der Angst: Zahlen zu Menschen machen, jeder einzelnen Furcht einen Namen geben.

Das habe ich von meinem Mann und den Spinnen gelernt

Ich mag Spinnen nicht. Kleine und unbehaarte machen mir nichts aus, aber je grösser, je behaarter, desto intensiver mein Ekel, desto höher meine Panikschreie. Das ist total irrational, ich weiss das, wie das jeder weiss, der eine Phobie hat.

Seit mein Mann Michael mir Johnny vorgestellt hat, schreie ich nicht mehr. Es war damals, vor bald zwanzig Jahren, auf einer Terrasse in Kandy, Sri Lanka. Wir diskutierten über unsere Weiterreise, blätterten im Reiseführer, als plötzlich, scheinbar aus dem Nichts, eine äusserst haarige Spinne auf uns zukam. Ich bin kein Spinnenkenner, will das gar nicht werden, aber ich würde mal sagen, dass es eine Vogelspinne war, die sich zu uns gesellen wollte. Eine Vogelspinne! Das ist für Arachnophoben der Superlativ des Schrecklichen schlechthin – kurz gefasst: super schrecklich schlecht.

Ich schoss auf, warf dabei meinen Stuhl um, zappelte mit meinen Flipflops, schrie und weinte und alles miteinander. Dann sprach Michael in ruhigem Ton: „Hei, hallo, Johnny, schön, dass du uns besuchen kommst.“ Ich dachte während dem Bruchteil einer Sekunde, er sei durchgeknallt, er sprach tatsächlich mit der Spinne. „Schau mal Nadine, das ist Johnny.“ Johnny war ekelhaft, aber schliesslich sind auch nicht alle Freunde nur Barbies und Kens. Was in und mit mir passierte, war beeindruckend.

So bald die Furcht eine Geschichte hat, verschwindet sie

Ich mochte Johnny nach wie vor nicht, das war auch nicht nötig. Aber wie konnte ich ihn weiterhin fürchten? Jetzt, wo er einen Namen, ein Gesicht und vor allem eine Geschichte hatte? Johnny kam uns auch am nächsten Tag besuchen und am Übernächsten, meine Angst wurde täglich weniger, mein Stolz darüber grösser. Von nun an hiessen alle haarigen Spinnenmonster der Welt Johnny. Die riesige Spinne in Südchina, die, mit den langen Beinen in Nepal und auch die in Mexiko.

Genau das tat ich mit den Flüchtlingen in unserem Dorf. Ich lernte ihre Namen kennen. Ich gab der Zahl 33 dreiunddreissig Gesichter mit dreiunddreissig Geschichten. Einige von ihnen bleiben Johnnys, andere wurden zu Freunden. Sie sind keine Statistik, keine Welle, keine Schlagzeile. Es sind Menschen, die lieben, lachen und leben.

Ich masse mir nicht an zu sagen, dass es nicht auch Studierte braucht, die sich um Statistiken kümmern, mit Zahlen rechnen und sich über das „Wie weiter“ Gedanken machen. Persönlich klingle ich lieber beim Flüchtlings-Nachbar an der Tür und beginne eine neue Freundschaft. Das entspricht mir mehr.

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