Unternehmergeist

Als Kind hausierte ich mit Steinen. Stinknormale Steine. Ich suchte sie auf dem Pausenplatz der Primarschule, legte sie in eine Kiste, ging von Haus zu Haus und pries die Dinger an. Sie kosteten zwischen fünf bis zwanzig Rappen. An einem Mittwochnachmittag machte ich schon mal ein bis zwei Franken. Nicht schlecht für damals.

Der Unternehmergeist ist auch heute noch da. Ich baue u.a. Webshops für Kunden. Manchmal frage ich mich, ob man damit auch Steine vom Pausenplatz verkaufen könnte. Als ich vor ein paar Tagen diese Diskussion mit meinen Söhnen führte, kam mir ein alter Tagebucheintrag in die Finger.

Unternehmer in Indien

Jaisalmer, auch die Goldene Stadt genannt, entführte uns in die Geschichten von 1001 Nacht. Das günstige Guesthouse lag direkt in der Festung und unser Zimmer war in einem der Türme, komplett mit den Fensteröffnungen, von denen aus vor vielen hundert Jahren die Feinde beschossen wurden. Heute dienten sie der Luftzufuhr, halfen uns aber nur wenig, bei den gegen vierzig Grad Hitze Schlaf zu finden.

Stundenlang erkundeten wir die Gässchen der Festung und bewunderten die märchenhaften Details der Bauten. Zurück im Guesthouse bestellten wir einen Chai im gemütlichen Café im Erdgeschoss. Die Speisekarte warb damit, dass Tony Wheeler, der Gründer der Lonely-Planet-Bücher, hier gewesen war. Poster mit Bildern von Kameltreks in der Thar-Wüste hingen an den Wänden. Tony soll auch da dabei gewesen sein. Die mehrtägigen Ausflüge waren die Haupteinnahmequelle der Geschäfte. Die Konkurrenz war hart. Der Druck der Einheimischen, eine Tour zu verkaufen, wurde zur Plage für die Touristen. Schon beim Einchecken wurde uns nahegelegt, dass sie grundsätzlich nur Gäste aufnahmen, die bei ihnen einen Kameltrek buchten.

Wir wunderten uns, warum keiner der Einheimischen die Initiative ergriff und etwas anbot, das sich von den anderen Touren abhob. Schon in Pushkar, einer kleinen Stadt nicht unweit von Jaisalmer – in indischen Verhältnissen gemessen – hatten wir eine ähnliche, ebenso festhaftende Strategie erlebt.

Pushkar liegt am gleichnamigen See

Ghats, Treppenstufen, und schneeweisse Häuser mit malerischen Türmchen säumen sein Ufer. Der Gott Brahma, der als Schöpfer der Erde verehrt wird, hat in Pushkar seinen Tempel. Nicht nur Brahma hat jedoch hier seinen Sitz, sondern auch die Rucksackreiseszene von Indien. Restaurants boten die beliebten Bananenpfannkuchen an und schafften es, diese auch ohne die bei den hohen Priestern verbotenen Eier zu fertigen. Buffetessen wurden angeboten, Bücherläden mit Romanen von Paulo Coelho und Geschäfte mit ausgeflippten Hippiekleidern reihten sich aneinander.

Als wir der Hauptstrasse entlang schlenderten, hielt uns ein Inder an: „Ihr seid im heiligen Pushkar und noch nicht gesegnet worden? Das geht nicht. Kommt mit mir mit, der Priester wird euch am See unten seinen Segen aussprechen.“ Das mit der Segnung war in Indien so eine Sache. Inder gingen öfters in die Tempel, um sich von den Priestern eine Segnung in Form eines Punktes, einer Linie auf der Stirn oder eines Schnürchens um das Handgelenk zu holen.

Für eine gesunde Weiterreise konnten ein paar gutgemeinte Worte nicht schaden. Wir folgten dem Herrn bis zu den Ghats. Der Priester nahm Michaels Hand: „Bist du bereit?“ „Ja, das bin ich.“ „Ich segne dich. Möge dir das Leben hold sein und mögest du gesund bleiben.“ Er band eine Schnur um Michaels Gelenk, hielt die Hand ein weiteres Mal fest: „Hast du Familie?“ „Ja, eine Mutter.“ „Und wie viele Brüder und Schwestern hast du?“ „Zwei Brüder.“ „Und wie viele Nichten und Neffen?“, und so machte der Priester weiter, bis wir bei einer Zahl von fünfundzwanzig angekommen waren.

„Wie viel ist dir deine Mutter wert?“

„Sie ist unbezahlbar“, erwiderte Michael. „Wie viele Rupien würdest du geben, damit sie gesund bleibt?“ Jetzt ahnten wir, wohin dieses Spiel führte. „Fünf Rupien“, sagte Michael vorsichtig. „Ach herrje, ist das alles, was tust du deiner Mutter an?“, schrie der Mann, der wohl eher Schauspieler als Priester war, dramatisierend. „Also dann, zehn Rupien“, spielte Michael mit. Je mehr er versuchte, seine Hand zu befreien, desto stärker wurde der Griff. „Also dann, zehn Rupien mal fünfundzwanzig Familienmitglieder macht 250 Rupien“, meinte der Schwindler mit enttäuschter Miene. Michael riss sich los, drückte ihm zehn Rupien in die Hand, „das muss reichen.“ Später lasen wir in einem Indienbuch, dass die Pushkar-Segnungsmasche wohlbekannt war und schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten abgezogen wurde. Kein Wunder liefen so viele Touristen mit Armbändchen herum.

Mit einem Lächeln dachten wir an Surya zurück, den engagierten Restaurantbesitzer in Kerala. Nicht viel mehr als eine Blechhütte hatte er gehabt, ein paar Plastiktische und Stühle und eine Frau, die gut kochte. Touristen assen gerne und oft in seinem Lokal, trotz der langen Wartezeiten. Surya liess sich etwas einfallen, um seine Kunden bei guter Laune zu halten. Er zeigte Filme auf seinem uralten Fernseher, freundete sich mit den Gästen an und dachte sich neue Kreationen für seine bescheidene Speisekarte aus. „Was isst man in eurem Land?“, fragte der Unternehmer, erpicht darauf, neue Rezepte zu erlernen. Er wollte seiner Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein. Ich gab Surya eine Einkaufsliste und kochte am nächsten Tag in seiner verrussten Blechküche eine Schweizer Rösti. Das Ehepaar war begeistert und wurde einmal mehr zum Touristenmagnet. Da könnten die Agenturen von Jaisalmer oder die Möchtegernpriester von Pushkar etwas dazu lernen.

Aus meinem Reisetagebuch: Indien 1998

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