Carcassonne vs. Samsung

Ich habe es satt, aus meinem Sohn etwas machen zu wollen, was er nicht ist. Und nicht sein will.

Die Sommerferien von letztem Jahr waren schlimm gewesen. Zumindest die zweite Hälfte. Die ersten drei Wochen fuhren wir im Wohnmobil durch Island, die gute Laune des Familienkollektivs war sozusagen vorprogrammiert.

Dann kamen wir nach Hause und der Stress begann

Unserer jüngerer Sohn ist ein Stubenhocker. So richtig mit allem drum und dran. Am liebsten in seinem Zimmer, mit geschlossenen Fensterläden, im Pyjama, abwechselnd zwischen Computergame, Handy und Buch. Dann ist er glücklich, so richtig rundum zufrieden. Ohne wenn und aber.

Anstatt ihn in seinem Glück zu lassen, mische ich mich ein. Die Stimmen der Gesellschaft melden sich in meinem Kopf: Ein Teenager muss raus. Er soll Freunde haben. Solch schönes Wetter und er sitzt im dunklen Zimmer. Die sind so laut, dass sie das selige Lächeln meines Sohns glatt übersehen. Sie entladen sich gelegentlich und mit grossem Frust direkt auf ihm. Wer hätte gedacht, dass Mütter mehr motzen können als Teenager?

Im Sommer 2015 gab es viel Streit. Die Schulferien waren anstrengend und keiner von uns danach erholt. War es das wert? Dieses Jahr sollte alles besser werden, nahm ich mir vor.

Es begann mit Carcassonne

Trotz Samsung und Playstation vermag das Brettspiel Carcassonne weiterhin begeistern. War das nicht toll?, ermunterte ich unseren Sohn nach dem Spiel. Er konterte, dass es seltsam sei, dass ich Brettspiele lobe und Computerspiele kritisiere. Das musste ich erstmal verdauen. Ganz unrecht hatte er nicht. Ich dachte an die vielen Momente, in denen lautes Lachen aus seinem Zimmer erklang, weil er gerade mit einem Kollegen online Minecraft spielte und es lustig hatte.

In der zweiten Ferienwoche begann er eine Buchserie zu lesen. Mit grossem Eifer und Freude las er den ganzen Tag, was ich mit ebenso viel Eifer und Freude unendliche Male lobte. Es ist also in Ordnung, wenn ich den ganzen Tag in einem Buch lese, aber nicht wenn ich den ganzen Tag auf meinem Handy lese? Wieso bin ich stolz auf ihn, wenn er sechshundertseitige Romane liest – und verkünde das noch so gern anderen Eltern – aber finde es schwierig zu akzeptieren, wenn er sich Wissen auf Instagram und YouTube aneignet? Am nächsten Tag beschloss ich, unserem jüngeren Sohn (und mir) ab sofort stressfreie Sommerferien zu gewähren.

Ich liess ihn sich selbst sein

Wenn ich ehrlich bin, war ich in seinem Alter gar nicht so unähnlich. Auch ich war gerne zuhause im Pyjama und scherte mich als Teenager nicht darum, ob draussen die Sonne schien oder nicht. Auch ich war gerne alleine. Nur war mein YouTube der Fernseher, mein Handy der Plattenspieler und mein Buch die Schreibmaschine. Solche faulen Ferientage waren auch für mich der Himmel auf Erden gewesen. Ist doch egal, welches Medium gerade in Mode ist. Und sind wir mal ehrlich, wie  oft wird unserer Sohn noch die Gelegenheit bekommen, vier Wochen lang in den Tag zu leben. Nach SEINER Lust und Laune?

Die restlichen Wochen hatten wir einen sehr glücklichen Jungen. Die Tage kamen und gingen, es gab weder Zoff, noch Stress. Ich akzeptierte die Tatsache, dass unser Sohn alt genug war, sein eigenes Leben zu gestalten. Wir hatten es einfach nur schön, gingen liebevoll miteinander um und gaben einander grossen Respekt.

Am letzten Ferientag suchte ich das Gespräch mit unserem Sohn. Hatte er die Ferien genossen? Hatte er gemerkt, dass wir ihm viel Freiraum gewährt hatten? Er strahlte: „Das waren die schönsten Ferien meines Lebens. Danke, danke, danke!“ In mir drinnen – und draussen – strahlte es mit.

 

 

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2 Kommentare

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