Die Demenz und die Seele

Meine Mutter und ich hatten die alte, schwache Frau in einer ruhigen Ecke der Altersheimstube wiedergefunden. Es brauchte eine Portion Vorstellungskraft in ihr mein Gotti* zu erkennen. Es war einige Zeit her, seit ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Wie uns doch einige Zeit verändern konnte.

„Hoi Gotti“, sprach ich die Greisin an, die mich mit leuchtenden Augen und einem grossen Fragezeichen anschaute. Sie sass nahe am Fenster, bei den Balkonblumen, die blühten. Die Wolken am Himmel verzogen sich, die Sonne schien auf die schneeweissen Haare meines Gottis. Ihre erste Reaktion zeigte etwas Angst vor den Fremden, die gekommen waren. Dann schaute sie mir in die Augen und fragte, wer ich sei.

Wer bist du?

Das tat weh. Und machte traurig. „Ich bin’s, dein Patenkind und das“, ich zeigte auf meine Mutter, die mit der Situation ebenso überfordert war, „das ist Heidi, deine liebste Freundin.“

„Ich kenne euch nicht“, erklärte mein Gotti in ihrer Demenz betrübt, „ich kann mich an nichts erinnern.“ Wir setzten uns nichtsdestotrotz, überreichten ihr Blumen. Wir diskutierten ein wenig, beantworteten ihre Fragen, die sie alle paar Minuten wiederholte, weil sie die Antworten vergessen hatte. „Ich habe mich verändert“, klagte sie, „und ich vergesse alles.“ Wir versicherten der bald neunzig Jährigen, dass sie das Leuchten in ihren wunderschönen Augen behalten hatte.

Vor ihr lagen ein Mandala-Malblock und Stifte. „Hast du diese Mandalas ausgemalt?“, fragten wir. Sie nickte. Es helfe ihr, die Zeit schneller zu vertreiben. Sie könne sonst nichts mehr tun. Nur sitzen und Mandalas malen. Das bedrückte mich. Ich stellte mir vor, wie sie ihre letzten Jahre damit füllt, Mandalas auszumalen, nur damit der Tod schneller kommt. Wie wenn sie meine Gedanken lesen konnte, sagte sie hastig: „Ich bin dankbar fürs Leben.“

Viel wusste sie auf unsere Fragen nicht zu antworten, nur, dass sie nicht mehr essen möge, dass sie nicht wisse, wo sich ihr Zimmer befinde und wer seien wir schon wieder?

Dann umarmte ich sie fest

Ich drückte sie und versuchte, mit meiner Geste Kraft an sie zu übertragen. Sie umarmte mich zurück. Sie war nicht so schwach, wie sie aussah. Sie roch nach Oma. Ich mochte den Geruch. Dann flüsterte sie in mein Ohr, dass sie mich fest gern habe. Mir schossen Tränen in die Augen, meine Kehle schnürte sich zu. „Ich dich auch“, erwiderte ich, streichelte über ihre sanften Haare und küsste ihre weiche Haut.

Mir ging ein Licht auf. Erst vor Kurzem hatte ich gelesen, dass wir Seelen sind und nicht Materie. Auch wenn der Körper uns im Stich liess, die Gedanken versagten, blieb noch die Seele, der Geist. Er denkt nicht, er fühlt. Er spürt. Mein Gotti spürte. Sie spürte meine Seele. Sie spürte die Liebe, die ich ihr entgegenbrachte. Es half mir, Friede zu schliessen.

„Kommt ihr wieder?“, fragte sie hoffnungsvoll. Ja, wir kommen wieder. Auch wenn sie nicht mehr weiss, wer wir sind, ihre Seele hat gejubelt.

*Patentante

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