Integration wird zur Begegnung

Gestern habe ich mal wieder so richtig viel Liebe verspürt. Nicht die mit den Schmetterlingen. Die, bei der ich fast platze, bei der ich die ganze Welt umarmen möchte, es hinausschreien. Es entsteht dann so ein Stau in der Halsgegend. Der schmerzt nicht, im Gegenteil, der bringt das Herz zum Pumpen, zieht die Mundwinkel zu einem liebsten Lächeln hoch. Ich gehe dann wie eine Betrunkene durch die Gegend.

Schwebend, torkelnd, selig, mit Liebe getränkt

So eine Liebe bewirkt viel Positives. Die wahre Freude. Bei mir, aber auch um mich herum. Ich weiss das, weil ich es den Gesichtern ablesen kann. Weil die anderen dann liebevoll zurück lächeln. Weil sie mir die Hand reichen, sie drücken, sich ans Herz fassen.

Diese Riesenportion Liebe habe ich gestern verspürt, nachdem ich vom Mitenand Treffen heimgekommen bin. Das Mitenand ist eine Gruppe von Leuten aus unserem Dorf, die sich bei der Integration der Flüchtlinge engagieren will. Ich schreibe das jetzt so, weil das vor ein paar Monaten tatsächlich unsere Absicht war. Eine noble Absicht, muss ich hinzufügen. Mittlerweile sind wir sogar ein Verein. So richtig offiziell und schweizerisch und ich, zum ersten Mal im Leben, bei so einem Verein dabei. Sogar in der Kerngruppe.

Die Gründung geschah um die Zeit, als grad die neusten Flüchtlingswellen Schlagzeilen machten. Man soll sich das mal vorstellen, da kommen nicht Menschen an, sondern ganze Wellen.

Das macht schon fest Angst

Auch unser Dorf würde mehr fremde Menschen aufnehmen müssen, obwohl viele der Bewohner es kaum vermochten, den Flüchtlingen, die schon da waren, einen netten Gruss zu schenken. Einer der Eritreer erklärte, dass er sich fühle, wie wenn er grün sei und riesige, rote Ohren hätte. Die Leute schauten ihn an, als komme er vom Mars.

Ich bin traurig darüber, dass so viele Flüchtlinge kommen. Ich hätte auch lieber, wenn sie in ihrer Heimat bleiben könnten, bei ihren Familien, mit ihren Liebsten, in ihren Häusern, bei ihrer Arbeit, in der Schule, den bekannten Arzt und Zahnarzt behalten. Ihre Schicksale sind tragisch. Krieg und Armut sind Scheisse. Es wäre so viel toller, diese Menschen während ihrem Urlaub in der Schweiz kennenzulernen. Oder auf einer unserer Reisen. Oder als Nachbarn, die aus glücklichen Motiven wählen, bei uns zu leben. Wir lebten damals ja auch in China. Aber so ist es nicht. Im Leben ist es nicht immer so, wie wir es wünschen. Sie sind hier. Traurig, verunsichert, wütend, hoffnungsvoll oder abgestumpft. Egal wie lange wir die Augen verschliessen, sie sind immer noch hier.

Wenn ich im Kopf verschiedenen Lösungsansätze durchspiele, gewinnt in jedem Fall die Idee der freundlichen Integration. Als Mensch, der in fast sechzig Ländern gereist ist und mit sehr wenigen Ausnahmen mit offenen Armen empfangen wurde, verspüre ich eine Art Verantwortung. Es ist so schön, sich willkommen zu fühlen. Genau dieses Gefühl können wir jetzt zurückgeben.

Damals also, vor Monaten, nahm eine rüstige Dame in den besten Jahren das Ganze in die Hand. Sie rief zu einem Treffen und siehe da, es gab so manche im Dorf, die ebenfalls den Wunsch verspürten, aktiv mitzuhelfen. Wir kommunizierten so gut es ging mit den Menschen, die nie gewählt hatten, hier in Steinen zu landen (einige wussten noch nicht mal, dass sie in der Schweiz waren, geschweige denn, wo sich dieses Land auf einer Karte befand) und fragten sie nach ihren Wünschen.

Was waren ihre Anliegen?

Sie waren sich einig: Die Sprache zu lernen war wichtig, vor allem aber suchten sie den Kontakt zu Schweizern. Sie wollten verstehen, wie wir lebten, was unsere Kultur ausmachte, welche Traditionen wir feierten und wie wir tickten. Wir einigten uns auf ein wöchentliches Treffen mit offener Türe. Wer kommen mag, kommt, wer nicht, der muss nicht. Von der Schweizer Gruppe sind immer drei bis fünf Freiwillige dabei.

Die ersten Monate liefen gut. Wir trafen uns regelmässig, spielten Spiele, lehrten Deutsch, beschnupperten uns gegenseitig, auch die Flüchtlinge untereinander. Manche von ihnen teilen sich ein Haus oder gar ein Zimmer, aber bisher hatten sie sich kaum gekannt. Der Mitenand Treff gab ihnen eine Plattform des Austauschs, einen Hafen. Aber auch in der Schweizer Gruppe lief viel. Auch wir beschnupperten uns. Es tut unseren Herzen gut, das Engagement der anderen zu sehen. Ist das nicht schön?

Leiden fielen ab, Freude kam zurück

Wir gingen spazieren, Volleyball spielen, schwimmen, kochen, Eier färben. Sogar die eingeschüchtertsten Menschen begannen zu lachen, gesundheitliche Beschwerden heilten, Frustrationen wurden aufgefangen. Und da wurde mir bewusst, dass Integration keine einseitige Sache ist, sondern auf beiden Seiten geschieht. Auch wir müssen uns in die neue Situation integrieren. Dem Fluss der Dinge anpassen. Integration darf nicht heissen: Wie du bist, ist hier nicht in Ordnung, du musst so werden wie wir, sondern: Lass uns gemeinsame Nenner finden und feiern und andere Dinge voneinander lernen. (Mal abgesehen von den Gesetzen, die müssen natürlich eingehalten werden.)

Die regelmässigen Treffen geben dem Alltag einen Rahmen. Die Flüchtlinge im Dorf wissen, an wen sie sich wenden können, wenn ihnen der Schuh drückt. Sie wissen, dass sie auf die Mitenand Gruppe zählen können. Vor einer Woche waren wir draussen auf dem Fussballfeld. Ich schaute mich um, der Tibeter hielt das Eritreer-Baby in seinen Armen, der Afghane spielte Ball mit dem Bruder des Säuglings, ein Mann aus Eritrea Federball mit dem Mädchen aus Sri Lanka. Die Gruppe hatte sich in den vergangenen Monaten zusammengeschweisst.

Erst beim Memory-Spiel wurde mir die Idee der beidseitigen Integration so richtig bewusst. Fünf Nationen spielten mit, ausser mir kannte keiner die Regeln. Ich versuchte sie zu erklären, das Spiel nahm aber rasch seinen eigenen Verlauf. Keiner spielte so, wie es gespielt werden sollte. Aus dem Strategiespiel wurde ein Glücksspiel, die Karten legte niemand dahin zurück, wo er oder sie diese her hatten, einige der Spieler vermischten die Karten gar, bevor der nächste dran war. Einfach um für Verwirrung zu sorgen und die Spannung zu erhöhen.

Am Anfang nervte mich das schurig*

Dann begann ich mich zu entspannen. Wer besagte, dass es nur eine Regel geben durfte? Unsere Art ist nicht die einzig richtige. Andersartigkeit bringt Vielfalt, erweitert unseren Horizont und bereichert unseren Alltag.

Gestern gingen wir zusammen in den Tierpark. Eine Gruppe von neunundzwanzig Menschen aus sechs Ländern und drei Kontinenten, mit vier verschiedenen Glaubensrichtungen. Wir gaben aufeinander acht, teilten das Futter für die Rehe, umsorgten die Kinder, lachten, staunten und bereicherten einander die Selfies. Dann fiel der Groschen.

Aus Integration wird Begegnung, aus Flüchtlingen Freunde

Was damit begonnen hatte, dass wir Schweizer für die Flüchtlingsintegration Zeit zur Verfügung stellten, war zur Begegnung zwischen Freunden geworden. Der Austausch und nicht mehr das Deutschlernen stand im Vordergrund. Heute fühlt sich kein Eritreer in Steinen mehr als Marsmensch. Die Mitenand Treffen tun allen gut: Den geflüchteten Menschen, den Dorfbewohnern und den Vereinsmitgliedern. Nicht wenige Blicke sind in den vergangenen Monaten wärmer geworden, nicht wenige Gesichter weicher, nicht wenige Lächeln ehrlicher.

Es klingelt… Der Vater aus Afghanistan mit seiner Tochter stehen vor der Türe. Sie halten mir eine Schachtel Kekse hin, sprechen auf Deutsch ein liebevolles Dankeschön, fassen sich an ihre Herzen. Ich fasse mir an meins. Integration ist so viel einfacher, wenn wir sie gemeinsam tun.

*Übersetzung für nicht Schweizer: wahnsinnig

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