Kanalbootferien… und die Seele baumelt

Entspannen, entspannen, entspannen klingt es in meinen Ohren, während dem ich Richard klar machen will, dass ich Kanalbootferien gebucht habe, kein schweisstreibendes Fitnessprogramm. Richard ist der Instruktor, der uns das gemietete Kanalhausboot übergibt und gleichzeitig per Crashkurs ins Bootfahren einführt. Im Moment stehen wir grad an einer Schleuse, mit Schleusenschlüssel in der Hand und hochgekrempelten Ärmeln und lernen, wie viel Muskelkraft es braucht, um die schweren Schleusentore zu öffnen.

Ziehen, stossen, drücken, halten, drehen…

Befiehlt Richard wie im Militärdrill und ich beginne mich zu fragen, ob Strandferien nicht doch angebrachter wären.

Die letzten Monate waren nicht einfach gewesen, das einzige, was mich vor einem Burnout bewahrt hatte, war die Aussicht auf baldige Ferien. Familie, Haushalt, Studium und Arbeit unter einen Hut zu versorgen, war eine Herausforderung, die ich gerne annahm und meistens gut – und glücklich, möchte ich anfügen – bewältigen konnte. Jedoch nur, wenn ich mir zwischendurch Ruhepausen gönnte, eben so, wie ich es in den kommenden sieben Tage vorhatte.

Kanalbootferien waren eine spontane Entscheidung gewesen. Auf Familienbesuch in England wären wir sowieso, also lag es auf der Hand, gleich im Land des Brexits zu verweilen. Und genau dieser Brexit-Entscheid liess nun das Pfund sinken, plötzlich wurde so eine Bootsmiete erschwinglich. Der Last-Minute Buchungsrabatt gab uns den letzten Schubs. Die Erzählungen von Freunden, die vor Jahren Kanalbootferien gebucht hatten, widerhallte in meinem Gedächtnis: Es sei die erholsamste Zeit ihres Lebens gewesen.

Das lernt ihr rasch, ihr werdet es geniessen, der Kanal ist herrlich. Richards aufmunternden Worte tun gut. Schliesslich lebt er schon seit sechzehn Jahren in einem Kanalboot. Ein richtiger Profi und an seiner ruhigen Art zu urteilen, liegt im Kanal schon irgendwo die Erholung versteckt. Die ersten paar hundert Meter fährt er mit, dann verabschiedet er sich mit einem vertrauensvollen Lächeln.

Er weiss, was vor uns liegt

Es braucht keine 24 Stunden bis wir dem Rhythmus des Kanals verfallen. Langsam ist das Leben auf dem Wasser. Die Höchstgeschwindigkeit liegt mit 6,5 km/h nicht weit über der menschlichen Wandergeschwindigkeit. Wir tuckern meistens noch langsamer. Sogar die Enten überholen uns. Die Schuhe fallen als erstes. Barfuss lässt es sich gut leben. Die Sonne kitzelt von oben, die Vögel zwitschern in den saftig grünen Büschen und Bäumen an den Ufern des Kennet & Avon Kanals. Schmetterlinge tanzen durch die Luft, wie ich das seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Meine Seele nimmt ihre Einladung zum Tanz an. Wir hören der Natur zu, bis wir sie hören. Sie spricht ohne Worte, in einer tiefen Intuition, die ich dann verspüre, wenn ich anhalte und innehalte.

Sanft gleitet unser achtzehn Meter Haus über das untiefe Wasser, wir stoppen dann, wenn wir Lust dazu haben. Meistens, wenn uns ein besonders schöner Baum ruft oder eine Ente gackert oder es einfach ohne Erklärung stimmig ist. Gelenkt vom Bauchgefühl. Ein junger Schwan schwimmt herüber und guckt hemmungslos über den Bootsrand. Vergnügt gackert er mit uns, erzählt uns Storys, die wir nicht verstehen. Wir fühlen uns verbunden. Immer wieder kommt das stolze Tier auf ein paar Geschichten vorbei, er scheint von uns ebenso angetan, wie wir von ihm.

Herrlich, wie die Tage ohne grosse Gedanken vergehen, wie sich mein Hirn der Langsamkeit angepasst und seine Schärfe für einmal abgelegt hat. Rundherum wächst und saftet es. Babys schlüpfen aus den Eiern. Müsste ich meinen Geisteszustand beschreiben, käme das Wort grün am nächsten.

Es ist nicht in Stein gemeisselt, dass die Liebe rot sein soll

Das wunderbare Hausboot hat alles, was wir uns wünschen könnten. Wir essen, wann wir Hunger haben, kochen, wenns grad passt, stossen mit einem köstlichen Wein auf das Leben an, weil es sich gut anfühlt und weil wir glücklich sind. Wir setzen uns auf das Bootsdach, lassen die Beine baumeln, riechen die Blumenpracht, die den Wasserrand säumt.

Zwischendurch durchgehen wir eine Schleuse oder passieren Schwingbrücken. Was ich vor wenigen Tagen im angespannten Zustand als ungewollte Hürde empfunden hatte, wird in der Entspannung zur willkommenen Abwechslung. Der Geist hat Ruhe gefunden. Ist nicht alles eine Frage der Perspektive? Die Schleusenstopps werden zu sozialen Zusammenkünften, Bootsfahrer helfen sich gegenseitig, tauschen sich aus, plaudern, das Kanalbooten wird zum Teamsport. Es braucht nicht lange, bis sich die Community auf dem Wasser kennt. Viele von ihnen sind noch langsamer als wir. Sie haben die träge Geschwindigkeit der Kanäle als permanenten Zustand gewählt. Pensionierte, die sich den Traum des mobilen Eigenheims erfüllen, Ausgeflippte und Andersartige, die sich in der ordinären Gesellschaft der Landleute nicht passend fühlen, Verwahrloste, die eine rostige Schale auf dem Wasser der Obdachlosigkeit unter einer Brücke vorziehen. Sogar eine Mrs. Doubtfire und einen Kanalmissionaren treffen wir.

Für uns bietet der Kanal keine Permanenz, aber die Batterien hat er gefüllt, die Seele berührt und den Fokus neu gelegt. Ich bin bereit für die zweite Hälfte des Jahres.

Zum Fotoalbum.

 

Ein paar Informationen zu unseren Kanalbootferien: 

Gebucht haben wir bei Foxhangers und zwar Last-minute. Mit der Firma, dem Service, dem Boot und allem drum und dran waren wir ausserordentlich zufrieden. So ein Kundenservice findet man nicht alle Tage!

Unser Kanalboot, der Snooty Fox ist rund 18 m lang und 1.80 m breit. Das Interieur ist fantastisch ausgebaut, alles mit Holz und in top Qualität. Eine Lounge mit Sofa und Tisch, viel Stauraum, komfortable Küche mit Ofen, Kühlschrank. Zwei Schlafkojen je mit einem Doppelbett und Badezimmer mit Dusche.

Bei Foxhanger ist alles drin von Bettbezug, Wäsche, Küchenutensilien, sogar eine komplementäre Kapitänstasse, Wein und Schokolade als Willkommensgeschenk sowie die Einführung ins Bootfahrten durch einen Mitarbeitenden. Die Bootferien sind auch für Anfänger kein Problem.

Für uns gab es nur einen Minuspunkt, die Tatsache, dass das Grauwasser direkt in den Kanal abläuft. Also: unbedingt biologische und abbaubare Produkte mitbringen.

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