Ausklinken auf der Alp

Auf der spektakulären Anfahrt fragt mein Mann, was ich denke, wenn ich mich umschaue. „Dass die Welt im Lot ist“, erwidere ich ohne zu zögern, „die Bäume sind grün, die Wiesen saftig, das Wasser fliesst ungezähmt, der Himmel ist blau, die Luft klar, die Kraft der Natur ist zu spüren.“ Er nimmt seine rechte Hand vom Steuer und legt sie zärtlich auf mein Bein. Ein kurzer Druck, ein flüchtiger Blick.

Schön, dass uns das Gleiche gefällt

Bei der Talstation parkieren wir, kaufen zwei Retourfahrkarten. Die nächste Gondel ist schon voll, die übernächste wird etwas dauern. In der hintersten Ecke des Tals gibt es nur eine Gondel. Sie fährt mit acht Leuten den Berg hoch und wieder runter. Wir haben Zeit.

Nach einer steilen Fahrt mit Blick auf tosende Wasserfälle und türkisfarbene Bergseen kommen wir an. Es ist kühl, ich schliesse meine Windjacke. Die Glattalp gehört zu den kältesten Orten der Schweiz. Die Dame vom Schalter wünscht uns per Lautsprecher einen schönen Tag. Wir spazieren los. Und bleiben bereits nach hundert Meter stehen. „Hörst du?“, fragt mein Mann ohne Worte. Fast zwanzig Jahre Ehe lassen uns auch schweigend verstehen. Michael bezieht sich auf das Hören der Ruhe. Nur ein paar Vögel pfeifen. Da, wo wir wohnen, ist es nie still. Sogar in der Nacht tost der Fluss an unserem Schlafzimmerfenster vorbei. Am Morgen weckt uns der Verkehr. Wir saugen die Stille auf. Michael nimmt mich in den Arm, küsst mich.

Die Welt ist im Lot

Der Besuch auf der Glattalp war höchste Eisenbahn gewesen. Manchmal wachsen mir meine eigenen Gedanken über den Kopf. Ich bin engagiert, belesen, global informiert und vernetzt. Täglich auf dem neusten Stand des Geschehens. Ich lese mich durch Facebook, Twitter und Blogs, durch Zeitschriften, Schlagzeilen und Nachrichten. Anregende Gespräche und Diskussionen zum Weltgeschehen sind ständige Begleiter. Ignoranz ist für mich keine mögliche Option. Und doch…

Als wir uns vor bald einem halben Jahrzehnt niedergelassen hatten, vermisste ich aus dem Reisealltag vor allem die Unbeschwertheit, aufgrund des Ausbleibens angstmachender Schlagzeilen. Seit unserer Heimkehr gelingt es mir nicht immer, zermürbende Nachrichten fernzuhalten. Es gibt Tage, an denen sie ungebeten überhandnehmen. Nicht etwa, dass wir während den jahrelangen Reisen blind durch die Welt geschritten wären. Im Gegenteil. Unser Erdenbild formte sich dank genauem Hinschauen und Mitfühlen, anstatt dem Lesen von Schlagzeilen. Wir liessen uns von den Menschen der Welt berühren: Kleine Gesten, liebe Worte, eine ausgestreckte Hand, ein Lächeln, eine Einladung, eine gelebte Willkommenskultur. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich dem Kollektiv der globalen Menschheit mein Leben zu verdanken habe.

Dass es überfällig war, voll auf die Bremse zu steigen, wurde mir vor einigen Tagen klar, als ich zielstrebig mit einer Freundin durch ein Einkaufszentrum schritt. Ich sah weder Produkte noch Angebote, ich sah Probleme: Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit, Umweltverschmutzung, Verblödung, Tierquälerei, gesellschaftliches Ungleichgewicht und Abfallberge. Ich hörte Warnungen in meinem Kopf und malte eine grimme Zukunft. Ich musste mich nicht daran erinnern, dass Angst und Intoleranz rein gar nichts Positives bewirken können. Ich musste handeln.

Im Leben hatte ich genügend Erfahrungen gesammelt, um mir eine Eigentherapie gegen den Weltschmerz verschreiben zu können. Am Sonntagmorgen stand ich auf, ein klares inneres Bild der Alp vor den Augen. Ich liess alles stehen und liegen, packte meinen Mann und wir fuhren los.

Manchmal brauch ich ein Time-out

Der Bergsee ist über die Ufer getreten und hat den Wanderweg begraben. Wir krempeln die Ärmel hoch und klettern. Quer durch fallende Bäche ziehen wir, über Schneefelder und  durch Alpenblumenwiesen. Wir sind fast alleine auf der Alp. Nach zwei Stunden des Wandern setzen wir uns zum Picknick. „Denkst du noch an die Arbeit?“, wundert sich mein Mann, der weiss, wie schwer mir das Abschalten fallen kann. Und mir wird bewusst, dass ich schon seit Ankunft nichts mehr gedacht habe. Rein nichts. Diese angenehme Leere kenne ich sonst nur aus der Meditation, für die ich mir im Alltag meistens auch zu wenig Zeit nehme.

Glücklich schaue ich mich um, umarme die Welt mit Liebe und Vertrauen, atme noch einmal tief durch, bevor wir uns gestärkt auf den Heimweg machen.

Zu unserem Fotoalbum der Glattalp auf Flickr.

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