Routine – ich brauche dich

Es dampft aus meiner Kaffeetasse, ich halte sie mit beiden Händen. Atme den Duft ein. Lehne zurück. Die Kinder sind zur Schule gegangen, mein Arbeitstag hat begonnen. Oder besser: wird beginnen, nachdem ich mit Genuss und Musse meine Sojalatte getrunken habe. Schluck für Schluck, als wäre es mein erstes Mal. Jeden Tag mein erstes Mal. Herrlich.

Den Tag beginne ich mit Dankbarkeit

Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Mein Morgenritual ist ein guter Anfang. Ein echter Luxus. Ein kurzer, angehaltener Moment. Routine, die mir durch ihre Verlässlichkeit bekömmlich geworden ist. Routine bekömmlich? Woher kommt das jetzt? Habe ich nicht genau jene Routine fast mein ganzes Leben lang bekämpft?

Ha! Wer braucht schon Routine

Anstatt ihr zu verfallen, hatte ich meinen Rucksack gepackt und war abgehauen. Anstatt wie jeder normale Mensch meinem Mann bei seinem Heiratsantrag wenige Stunden nach unserem Kennenlernen einen Korb zu verpassen, sagte ich ja. Ich heisse Hudson, das gibts in der Schweiz kaum. Routine, du kannst einpacken! Schlafen gehen, in das langweilige Loch, wo du herkommst. Doch wir alle werden älter. Und auch die Kinder lehren uns. Ein Kleinkind, das keine geregelte Schlaf- und Essroutine hat, wird zum Mini-Tyrann. Menschen ab einem gewissen Alter geht es ähnlich (ich zähle mich auch hinzu).

Auf den langen Reisen mit unseren Kindern wurden wir nicht selten nach dem Geheimrezept gefragt. Wie kann das so gut gehen? Die Routine wurde uns plötzlich zum Freund. Entzieht man uns so ziemlich alles, was wir kennen und schätzen und ersetzt man es mit Fremden und Andersartigen, bleibt nur noch ein bekanntes Gesicht, die Routine. Der Tag beginnt um sieben, ob hier oder da, der Mittagshunger kommt um 12, auch in Asien, die Müdigkeit so um 22 Uhr, auch auf der anderen Seite des Erdballs. Feststehende Pfeiler sind wichtig, um uns orientieren und halten zu können, wenn es stürmisch ist. Wir stellen schliesslich die Zeiger unserer Uhr auch nicht jeden Tag erneut auf den Kopf.

Wer lange genug wartet, hat die Routine zurück, ob er es will oder nicht.

Auch in Zeiten, in denen ich der Routine entfliehen wollte, kam sie unweigerlich zurück. Sogar das Reisen kann zum Alltag werden. Erstaunlich rasch. Alle ein, zwei Monate machten wir Reisepausen und mieteten irgendwo eine Bleibe, um die Reiseroutine zu durchbrechen. Denn zu viel davon macht stumpf und blind. Ankommen, Zimmer suchen, Essen gehen, Sehenswürdigkeiten anschauen, Kontakte knüpfen, weiterziehen.

Routine ist überlebenswichtig und wohltuend, so lange wir sie davon abhalten, uns zu fesseln.

Carpe Diem kann durchaus der Routine die Hand geben

Der gute Mix macht’s aus. Routine gibt unserem Körper und Geist Verlässlichkeit und damit einen wichtigen Ruhepol. Aus seiner Energie heraus lässt es sich aus dem Vollen schöpfen. Auch ausflippen, im Regen tanzen und lieben, bis das Herz fast platzt, sind erlaubt. Nur weil wir gewisse Dinge regelmässig wiederholen, müssen wir noch lange nicht langweilig werden.

Angepasst auf die Stimmung, die Gegebenheit, die Lust und Laune ist die Routine ein Partner für alle Fälle. Wichtig ist, nicht aufzuhören, uns dabei zu erfreuen. Mit Achtsamkeit. Egal, ob wir es jeden Tag wiederholen. Und wenn wir dies nicht mehr tun, dann machen wir es einfach mal anders. Nehmen einen anderen Weg zur Arbeit, trinken Tee anstatt Kaffee, gehen eine Stunde später zu Bett.

Stimmig ist, was für uns stimmt

Das Kaffeeritual am Morgen, gefolgt von einem Überraschungsanruf. Leben, du bist herrlich! Wir haben die Wahl. Immer wieder und wieder. Heute Kaffee, morgen ausflippen und übermorgen wieder Kaffee.

Meine Kinder und meinen Mann gutenachtgeküsst sinke ich in mein Bett. Die Matratze fühlt sich so richtig an. Meine Matratze. Das grosse Kissen und das kleine, sie lassen meinen Kopf bequem liegen. Die Decke hält mich warm. Jede Nacht um diese Zeit halte ich kurz inne und bemerke, wie sehr ich mein Bett liebe. Wie schön dieser Moment vor dem Schlafengehen ist.

Den Tag ende ich mit Dankbarkeit

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