Indienalltag

“Lakshay“, fragte ich unseren Freund nachdenklich, „was würdest du tun, wenn du plötzlich viel Geld hättest?“ Er lachte herzlich.

„Ich, viel Geld? Nie!“

„Stell dir das jetzt einfach mal vor. Du gewinnst Geld oder jemand schenkt dir Geld. Nicht nur ein Lakh (indisches Wort für einhunderttausend), sondern richtig viel. Was würdest du damit tun?“

Nun überlegte er es sich ernsthaft. „Zuerst kommt die Familie.“ Da seine Eltern bereits verstorben waren und all seine Geschwister relativ wohlhabend sind, meinte er mit Familie seine Frau und seine Tochter. „Ich würde Land kaufen und darauf ein Haus bauen. Eines mit zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Bad. Dann müsste ich mir nicht jeden Monat Sorgen machen, wie ich die Miete zahlen kann.“ „Stell dir vor“, erläuterte ich, „du hast nun das Haus und immer noch viele Lakhs übrig, was nun?“

„Dann würde ich viel Geld für die Bildung meiner Tochter auf die Seite legen. Die Schulen sind teuer und je mehr du bezahlst, desto besser ist die Ausbildung. Je besser die Ausbildung, desto besser die Zukunftsperspektiven. Allein die Einschreibegebühr für die Schule übersteigt mein Monatsgehalt.“

Lakshay kratzte sich am Schnauz, jetzt kam er so richtig in Fahrt.

„Ich muss auch für die Dowry (Mitgift) für meine Tochter sparen, damit sie später in eine gute Familie heiraten kann.“ Ich stutzte und fragte, ob er denn glaube, dass es in zwanzig Jahren in Indien noch ein Dowry-System gäbe. „Klar doch! Aber nicht  jede Frau braucht eine gute Mitgift. Je gebildeter die Braut und je besser ihre Arbeitsstelle, desto weniger kann die Dowry sein. Manche Männer sind gar einverstanden, eine Frau ohne Mitgift zu heiraten.“ Dass er dabei von sich selbst sprach, wussten wir, denn er hatte uns seine traurige Lebensgeschichte bereits am Vortag erzählt. Seine erste Ehe war eine Katastrophe gewesen. Als er sich in seine jetzige Frau verliebte, wollten ihre Eltern der Heirat nicht zustimmen, weil sie keine Dowry zahlen konnten. Als Lakshay anbot, sie ohne Mitgift zu heiraten, kehrten sie den Spiess um und verlangten von ihm Geld für die Tochter.

Was der beste Beruf für einen Inder sei, wollte ich von ihm wissen. „Eine Anstellung bei der Regierung“, Lakshay brauchte keine Sekunde zum Überlegen, „da verdienst du gut und profitierst von fantastischen Sozialleistungen. Es ist jedoch fast unmöglich reinzukommen. Entweder zahlst du viel Geld für so eine Stelle oder hast die richtigen Beziehungen.“ Er schüttelte den Kopf. „Was ich gerne gewollt hätte, ist eine Anstellung bei der Armee. Wenn du Soldat bist, darf deine ganze Familie im Militärkampus wohnen, du bekommst das Essen zum halben Preis, sogar eine Pension wird dir bezahlt.“ Warum er denn nicht seinem Traum gefolgt sei, fragen wir interessiert. „Für zehn freie Soldatenstellen melden sich um die 50‘000 junge Männer. Kaum einer von denen bekommt jedoch die Stelle. Diese Rekrutierungstage sind nur Formsache, die Stellen sind eh schon an die Reichen vergeben worden oder an die, die eine grosszügige Spende gemacht haben.“

Aus meinem Reisetagebuch: Gespräch mit Lakshay (Name geändert), Indien, 2014

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