Du kannst es nicht du kannst es doch

Zum dritten Mal, seit ich mich auf dieses Studium eingelassen habe, stehen grosse Prüfungen bevor. Gleich fünf davon. Für mich wäre das eigentlich ein Grund der Freude, denn, im Gegensatz zum Rest der Welt, mag ich Prüfungen. Prüfungsstress, was ist das? Aber dieses Mal nicht.

Dieses Mal bin ich ein Nervenbündel

Vor ein paar Wochen war noch alles im grünen Bereich. Meine Kommiliotonen begannen über ihre Prüfungsvorbereitungen zu diskutieren. Das schien für mich alles noch weit weg. Ich hatte anderweitig genug zu tun. Schliesslich habe ich neben dem Studium noch Familie und Arbeit. Weitere Aufträge wurden erteilt, die Last wuchs parallel zur Länge meiner Wunderlist To-Do-Liste. Noch machte ich mir keine Sorgen. Bis die BG-Falle zuschnappte.

Gustav Klimt war schuld

Die Prüfung für das Fach Bildnerisches Gestalten hatte es in sich. Wir mussten Sachanalysen machen, Bild- und Farberprobungen, selber zu halben Künstlern werden, Storyboards, Fotodokumentationen, Unterrichtsplanungen, didaktische Analysen und schlussendlich einen Vortrag. Mehr als 50 Stunden investierte ich in mein Thema Gustav Klimt und Muster/Ornamente. Klar mag ich gute Noten, aber die Aussicht darauf war nicht mein Motor. Das Problem war, dass es mir Spass bereitete, dass das Bilder zeichnen und malen zur Musse wurde. Und dass dadurch alle anderen Fächer noch einmal zwei weitere Wochen liegen blieben. Es war mir egal. Unter Druck arbeite ich sowieso besser. Es kommt gut. Kein Problem…

Bis vor zwei Tagen. Zu Dritt sassen wir an einem ruhigen Tisch in einer Lernoase an der PH und nahmen die Unterlagen vom ersten der fünf Fächer hervor. Als meine Mitstudentin selbstbewusst von den prüfungsrelevanten Lernzielen erzählte, begann mein Herz zu rasen.

Das kannst du nicht

Rief eine innere Stimme so laut, dass sie alles andere übertönte. Ich musste Tränen zurück kämpfen. In solchen Momenten klopft es im Herz, der Rest des Körpers wird zu Wackelpudding, im Hirn dreht sich eine Welle hin und her. So zu lernen, ist unmöglich! Ich starrte auf die Blätter vor mir. Ich hatte das Fach verstanden, den spannenden Worten des Dozenten aufmerksam gelauscht, Verknüpfungen geschafft und fühlte mich bereit, das Gelernte umzusetzen. Aber verlangt wurden Fachbegriffe, das Kennen von Modellen und Lerntheorien. Ich fühlte mich überfordert. So, so, so stark überfordert. Und müde. Einfach müde. Es war nicht das erste Mal, das ich mich fragte, ob ich das Studium hinschmeissen sollte. Neben Familie und Arbeit zu studieren, war wirklich manchmal ein Spagat über eine Eisenbahnlinie. Wir lernten weiter, viel blieb nicht hängen. Als ich an jenem Nachmittag heimkam, entschied ich mich für eine Schocktherapie.

Ich nahm die Schere und schnitt mir den Rossschwanz ab

Manchmal tue ich verrückte Dinge, aber sie helfen. Symbolisch hatte ich alte Fetzen entfernt, rostige Denkmuster abgeschnitten. Was heisst da, ich kann das nicht? Klar kann ich es, das habe ich mir doch schon zig Mal bewiesen! Als ich mich am nächsten Tag mit meiner Mitstudentin traf, übernahm ich einmal mehr die Führung meines Selbsts. Es gab keinen Grund, warum ich es nicht können sollte. Ich hatte schon schwierigere Prüfungen bestanden. Es war alles eine Frage der persönlichen Einstellung und der Lernstrategien. Prüfungsstress über Bord, jetzt kommen die Siebensiechen. Wir schmiedeten einen Plan: meine Mitstudentin las die Kontrollfragen vor, dann versuchten wir diese gemeinsam anhand der Zusammenfassungen zu beantworten. Das ergab eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Thema und somit wichtige Verknüpfungen, die nun sitzen. Bob, der Baumeister hätte Freude an uns:

Can we fix it? Yes, we can!

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