Ein indisches Ehepaar lässt Dampf ab

Eine Inderin um die fünfzig, sie trägt einen gepflegten Pagenschnitt, ihre dunklen Haare zeigen ein paar graue Strähnen, überreicht uns die Speisekarte. Sie spricht mit gepflegten, britischen Akzent. „Haben Sie den von Touristen angenommen“, erkundigen wir uns und lösen damit eine Explosion aus. „Sicher nicht!“, erwidert die Dame aufgewühlt, „meine gute Sprache habe ich von Schwester Diana aus der Klosterschule in Mumbai.“

Touristen reden nicht schön, die fluchen, sind unverschämt.

Beleidigt zieht sie von dannen. Später bestellen wir frische Mangoshakes und hausgemachte Limonade und starten einen zweiten Versuch eines Gesprächs. „Die Schlimmsten sind die Israeli“, klagte die müde Frau, die schon seit über dreissig Jahren dieses Restaurant führt, „denen musste ich schon nachrennen, weil sie ohne die Rechnung zu begleichen abhauen wollten. Nachdem sie die Hälfte gegessen haben, wollen sie die Mahlzeit nicht bezahlen, weil sie nicht gut sei. Und das merken sie erst dann? Einer zog sogar ein Messer gegen mich.“ Die zierliche Inderin seufzt. „Ich bin stark geworden. Heute sage ich solchen Schurken, dass ich keine Frau vom Dorf bin und weiss, was Sache ist. Einmal drohte ich so einem Rowdy, dass ich die Faust in sein Gesicht schlagen würde. Ich habe meine Bodyguards“, sie schaut zur Küche hin, „wenn jemand Probleme macht, dann schicke ich meine Kraftprotze los.“

Ihr Ehemann, wohl von der aufgeregten Stimme seiner Frau angezogen, gesellt sich zu uns. Seine Haut ist dunkel und bis auf kurze, schneeweisse Hotpants ist er nackt. Seine Haare sind grau, wachsen auf Kopf und Körper etwa gleichermassen. Sein breites Lächeln ist ansteckend. „Ich bin schon über sechzig und habe lange Jahre in Australien gelebt“, erklärt er im unverkennbaren Slang Down Unders und dem regen Gebrauch des Wortes „bloody“.

Indien ist am Ende

Verkündet er mir erregter Stimme, schon fast theatralisch, „verdammt noch mal kaputt. Es gibt keine Hoffnung mehr, wir verkaufen unser Lokal und ziehen weg.“ Trotz seiner negativen Art und der rauen Sprache, faszinieren uns seine Intelligenz und sein Humor. Gespannt hören wir zu.  „Seht ihr diese verdammten Strassenhunde?“, fragt er eher rhetorisch, „dieses Pack, das sind verdammte, indische Politiker, sie werden allesamt als Hunde wiedergeboren. Wir sollten sie nach China verschiffen, da würden sie aufgeschlitzt und gegessen.“ Der alte Mann lacht, obwohl es ihm nicht drum ist. „Die Weltprobleme können in wenigen Minuten gelöst werden, nur zwei Dinge müssen verschwinden, die Politiker und die Religionen.“ Er kommt in Fahrt. „Die Frauen müssen endlich mehr Stellenwert bekommen. Mehr als die Männer. Ein Haushalt liegt nur im Gleichgewicht, wenn der Mann seine Frau anständig behandelt.“ Seine Familie hätte damals nicht gewollt, dass seine Lebenspartnerin im Restaurant mitarbeitete, das gehöre sich nicht. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie uns mal können und meine Frau das tun wird, was sie will.“ Kaum spricht er den Satz zu Ende, hupt eine Rikscha vor dem Lokal. „Und das verdammte, ewige Hupen in Indien“, fährt er kopfschüttelnd fort, „glauben die, dass wir Inder taub sind? Der Lärm macht uns noch verrückt.“

(aus meinem Reisetagebuch: Gespräch mit einem älteren Ehepaar in Jaisalmer, Indien, 2014)

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