Offline – Offroad

Vorgestern nahm ich an einem Vortrag von Gion Saluz De Salugo, dem Survival Trainer, teil. Es war spannend, fantastisch, mitreissend. Dann machte Gion eine Bemerkung, die mich zum Nachdenken anregte.

Im Notfall ist das Ziel das Ziel und nicht der Weg

Wenn es ums Überleben geht, ginge es darum, so rasch als möglich und mit so wenig Energie wie möglich ans Ziel zu kommen. Es allein zähle in solchen Situationen. Ein Feuerzeug um ein Feuer zu entfachen sei einfacher, als die Methode der Steinzeitmenschen.

Jahrelang hatte ich mir eingeredet, dass der Weg das Ziel war und nun warf Gion das alles über den Haufen. War der Weg nur das Ziel, wenn wir den Luxus hatten, nicht ums Überleben zu kämpfen? War der Weg eine Wohlstandserscheinung unserer gemütlichen Gegenwartszeit?

Ich dachte über mein Leben nach

Doch, es fühlte sich an, als wäre der Weg grösstenteils das Entscheidende gewesen, das Ziel nur eine Nebenerscheinung. Es gab in meinem Leben jedoch durchaus auch Zielmomente, die so tief gründeten, dass der Weg dahin verblasste. Ich war am Ziel angelangt. Das zählte. Sonst nichts. Wie ich dahin gekommen war, war irrelevant. Ich war ja schliesslich da.

Vor ein paar Monaten, einige Tage nach Weihnachten, erlebte ich so einen Zielmoment. Wir reisten im Oman. Mit 4×4 und Campingausrüstung. Weg hatten wir gewollt. Offroad und Offline. Einfach mal den Off-Knopf drücken. Den Alltag anhalten.

Aber so ein Off-Knopf lässt sich nicht einfach so ein- und ausschalten. Auch das Herunterfahren braucht Zeit. Es war also nicht der erste Reisetag, der mir so einen Zielmoment bescherte, schon eher der dritte oder vierte. Ein in Oman lebender Engländer hatte uns von ein paar einsamen Stränden in der Nähe von Madrakah erzählt. Die Sonne stand bereits tief als wir ankamen und prompt blieb unser Fahrzeug im Sand stecken. Wir schaufelten es frei, dann kam die Polizei um zu helfen und blieb ebenfalls stecken. Michael schaufelte auch sie frei. Dafür gaben sie uns einen Geheimtipp.

Der Strand um die Ecke ist perfekt

Michael fuhr mit dem 4×4 um die Ecke und fand ein Paradies. Es musste aber verdient werden, denn er blieb schon wieder stecken. Kurzentschlossen luden wir das Gepäck aus und während Michael den Mitsubishi freischaufelte und an einem sicheren Ort weit weg vom Strand parkierte, errichteten die Jungs und ich unser Camp. Grad noch bevor die Sonne uns zum letzten Mal vom Horizont her zulächelte. Wir sammelten Treibholz und genossen einen ruhigen Abend am Lagerfeuer. Die Flammen züngelten und knisterten, ansonsten war bis auf die Wellen nichts zu hören.

Erst in der Abwesenheit des Lärms bemerken wir den Lärm. Erst in der Ruhe wird uns bewusst, wie viel sonst um uns herum passiert. Wir blickten hoch, der volle Mond beleuchtete die Umgebung, abertausende von Sternen funkelten am klaren Himmel. Erst in der Abwesenheit der Lichtverschmutzung bemerken wir die Lichtverschmutzung. Wann hatten wir zum letzten Mal einen so klaren Himmel gesehen?

Die Sonne weckte uns früh, wir fühlten uns ausgeschlafen, glücklich, voller Tatendrang. Das erste, was ich an diesem Morgen tat, war zum Meer hin rennen. Die Flut war gekommen und hatte unseren Strand eingeschlossen. Wollten wir von hier weg, mussten wir das ganze Gepäck durch das Wasser tragen.

Was für ein unbeschreibliches Gefühl

Niemand wusste, wo wir waren (ausser die zwei Polizisten). Unser Camp, unser Strand, die Sonne und das Meer. Die Ruhe und die Sterne. Mit nackten Beinen stand ich in die Brandung. Die erste Welle traf mich ohne zögern und in dem (Ziel-)Moment schrie meine innere Stimme klar und deutlich: Willkommen zurück im Leben.

Unsere Oman Fotos gibt es übrigens auf Flickr.

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2 Kommentare

  1. Liebe Nadin,
    Sehr schön geschrieben deine Zeilen machen nachdenklich.
    Liebe Grüße Lilian

    • nadinehudson

      Danke liebe Lilian, es freut mich, wenn ich etwas anstossen darf.
      Herzlich
      Nadine

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