Das lernen, was wir nicht können

Es ist wirklich nie zu spät. Wirklich.

Mit Zwanzig fand ich die Gitarre toll. Lagerfeuerstimmung… vor allem die Idee der Romantik, die damit verbunden war. Das Musikinstrument immer dabei, locker mit einem Bändel über die Schulter geschwungen. Migros Clubschule hätte es möglich machen sollen. Hätte. Eine Freundin und ich meldeten uns an für einen Anfängerkurs. Die Gitarre lieh ich von meiner Schwester. Schon nach wenigen Lektionen gab ich auf. Das sah viel einfacher aus, als es war! Wie sollte das jemals in den Fingern nicht weh tun?

Mit Zwanzig hatte ich noch nicht viel Durchhaltevermögen

Das Durchhaltevermögen, wie auch andere Eigenschaften, z.B. die Geduld, sind Dinge, die wachsen – oder schrumpfen, je nach dem. Bei mir sind sie gewachsen. Durchhalten und du erntest… hatte ich bald herausgefunden. Vierundzwanzig Jahre arbeitete ich daran, bevor mein Durchhaltevermögen erneut getestet werden sollte.

Irgendwann entschied ich Lehrerin zu werden. Das fehlende Fachabitur holte ich, mit dem extra für Leute wie mich gemachten Vorkurs, nach. Das war meine erste Überraschung.

In deinem Alter lernt man nicht mehr so einfach

Man hatte mich gewarnt. In den ersten Wochen fühlte ich mich, als wäre ich von einer Dampfwalze überrannt worden. Schon bald gewöhnte ich mich an den neuen Rhythmus und dann gab ich Gas. Mein Alter war kein Problem, im Gegenteil, es bot mir unzählige Vorteile. Neugelerntes konnte fast immer an etwas Bestehendes angeknüpft werden. In meinem Hirn gab es durch die vielen Jahre der Wissensaneignung und Erfahrungssammlung bereits eine ganze Kommode mit Schubladen. Kam eine Information dazu, konnte ich sie meistens einfach in einer der Schubladen versorgen. Effizientes Arbeiten, das Filtern von Wichtigem und Unwichtigem, verknüpftes Denken… dies waren nur einige Geschenke meiner Lebenserfahrung.

Die Prüfungen kamen und gingen und das eigentliche Lehrerstudium stand vor der Tür. Auch das würde ich packen. Irgendwie.

Alle Fächer, geht das?

Goldau liegt bei uns in der Nähe und ist für mich der perfekte Ort für das Studium. Aber die PH in Goldau hat auch ein paar Eigenheiten. An dieser PH muss jeder Student alle Fächer belegen und abschliessen. Konkret heisst das etwas übertrieben ausgelegt, dass ich keinen Bachelor kriege, wenn ich den Handstand nicht schaffe. Auf der positiven Note bedeutet es aber auch, dass ich später alle Fächer unterrichten kann und mehr noch: Es gibt mir einen Schups in den Hintern mir auch Dinge zuzutrauen, die ich nun wirklich nicht kann. Auf keinen Fall. Nie und nimmer. Wie eben das Gitarre spielen!

Während der ersten Lektion gezittert

Mit viel, wirklich sehr viel Bammel ging ich in die erste Gitarrenstunde. Vierundzwanzig Jahre nach meinem ersten Scheitern und wieder mit einer Gitarre meiner Schwester. Ich würde nie und nimmer lernen die Gitarre zu spielen. Nie!

Der Lehrer schien nett, das war schon mal ein gutes Zeichen. Er zeigte mir zwei Griffe, sang mit mir ein Lied und plötzlich machte es Klick. Nie gab es nicht. Nur in unseren Köpfen. Die Nie-Haltung musste ich sofort abschütteln, wenn ich die PH bestehen wollte. Ich konnte alles, wenn ich es wollte und mit Freude und Durchhaltevermögen anpackte. Am Gitarrenspielen hatte ich rasch Freude. So viel Freude, dass ich jedes Mal die Gitarre in die Hand nehme, wenn ich gestresst bin. Zehn Minuten später bin ich wieder ausgeglichen, ruhig und zufrieden.

Das Barrenturnen habe ich auch schon geschafft. Ich habe gesägt, Nägel eingeschlagen, gestrickt, gemalt, vor Leuten gesungen und vieles mehr. Je weniger ich mir etwas zutraue, desto besser fühlt es sich nachher an. Durchhalten, weiter üben, nicht aufgeben…

 

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